Anruf im Abschiebezentrum Harmondsworth nahe des Londoner Flughafens Heathrow. Kweku Adoboli nimmt ab. "Es geht mir gut, danke, wobei, nein, nicht wirklich gut." Es ist Freitag vergangener Woche. Noch vier Tage. Dann ist ein Charterflug gebucht für ihn und weitere 39 Migranten, die in Großbritannien straffällig geworden sind. Sie werden abgeschoben nach Nigeria und Ghana, wo sie einst herkamen. Für Adoboli, 38, wäre es das endgültige Ende einer großen Karriere und ein weiterer Absturz. Vom Handelsraum der UBS in London ins Gefängnis wegen Betruges, dann Freilassung, dann Abschiebung nach Ghana.

Der Wärter hat Adoboli gerade in seiner Zelle eingesperrt. Er hat jetzt eine Stunde Zeit zum Telefonieren. "Das ist hier wie im Gefängnis. Gitter vor den Fenstern, eine Stahltür, im Hof viele dunkelhäutige Männer wie ich, die nichts Sinnvolles zu tun haben. Es ist bedrückend."

Offiziell weiß Adoboli nicht, was mit ihm passieren soll, aber seine Anwältin hat aufgeschnappt, dass er vier Tage später auf den Flug nach Ghana soll.

"Ich hoffe nur, dass der gesunde Menschenverstand obsiegt", sagt Adoboli.

Er ist 31 Jahre alt, als man ihn mit Milliarden spielen lässt – und er ist der Älteste im Team

Der Fall von Kweku Adoboli ist der eines selbstherrlichen Bankers. Oder in den Worten von Perry Stokes, dem Inspektor, der gegen ihn ermittelte: "Es war der größte Betrugsfall im Vereinigten Königreich." Am 15. September 2011 wird Adoboli in der Londoner Niederlassung der Großbank UBS festgenommen. Über zwei Jahre hinweg hatte er beim Wertpapierhandel die Regeln ignoriert und so einen Verlust von unfassbaren zwei Milliarden Dollar angehäuft. Wegen des Skandals musste der damalige UBS-Chef Oswald Grübel gehen. Die britische Bankenaufsicht verhängte eine Buße von 30 Millionen Pfund gegen die Bank. Adoboli kam wegen Betrug ins Gefängnis.

Der Fall von Kweku Adoboli ist aber auch der eines Mannes, der im Alter von vier Jahren Ghana verließ und danach nie wieder dort lebte. Sein Vater ist Mitarbeiter der Vereinten Nationen, die Familie zieht nach Israel, nach Syrien, dann in den Irak. Mit zwölf Jahren schicken Adobolis Eltern den Sohn in ein englisches Internat nach Ackworth nahe Manchester. Seitdem ist Großbritannien sein Zuhause, seit 26 Jahren. Geht es nach dem Willen des britischen Innenministers Sajid Javid, soll Adoboli dennoch nach Ghana abgeschoben werden. Zwar hat er die Strafe für seine Tat abgesessen. Aber die britische Regierung will ausländische Straftäter nicht im Land haben.

"Ich wurde verhaftet, weil ich in einem anderen Land geboren wurde."
Kweku Adoboli, Banker

"Ich wurde verhaftet, weil ich in einem anderen Land geboren wurde", sagt Adoboli. Dann redet er ohne Pause. "Ich hätte längst die Staatsbürgerschaft beantragen können, aber ich habe immer zu viel gearbeitet." Er wollte gut sein in seinem Job, alles richtig machen. Er habe nicht darüber nachgedacht, was für einen Pass er hat. Großbritannien war ja sein Zuhause, Yorkshire, wo das Internat war, betrachtet er als seine Heimat.

"Ich kam ohne eine Familie hierher und fand sie in meinen Mitschülern." Im Internat wird er Schulsprecher, er macht einen guten Abschluss. Er hat Patenkinder, Neffen und Nichten in Großbritannien, eine Lebensgefährtin, er hat Freunde.

Zur Bank kommt Adoboli mehr oder weniger durch Zufall, wie er sagt. Es sind ohnehin oft die Umstände, die sein Leben bestimmen, zumindest sieht er das so. Nach der Universität macht er ein Praktikum, dabei landet er irgendwie bei der UBS. Er wird übernommen, arbeitet im Backoffice, wird Händler und kommt zum sogenannten Delta One Desk. Da ist er 28 Jahre alt.