"Fantastisch!", entfährt es Stephan Trösch. Es ist kurz nach acht Uhr morgens, Nebelschwaden wabern über das feuchte Gras. Vor seinen Füßen liegt ein Apfel, ein Boskop, ein paar Schritte weiter noch einer, daneben der Baum, von dem er gefallen ist. Ein knorriger, hoher Stamm mit mächtiger Krone. Ein paar Schritte weiter die nächsten Bäume, mal liegen Birnen drunter, mal Baumnüsse oder Zwetschgen. "Ich wüsste nicht, wo ich bei uns drüben einen solchen Obstgarten finden könnte", sagt Trösch.

Bei uns drüben, das wäre in der Schweiz, im Kanton Schaffhausen. Der Ornithologe Stephan Trösch steht an diesem Septembermorgen in Deutschland, in Büsslingen, Baden-Württemberg, und führt mich durch das Kulturland im Grenzgebiet.

Hierhin gelotst hat uns eine verblüffende Erkenntnis aus dem neuen Brutvogelatlas, den die Vogelwarte Sempach in diesem Herbst veröffentlicht: Im den grenznahen Regionen im Ausland, egal ob in Deutschland oder Frankreich, gibt es pro Quadratkilometer mehr Vögel als in den Grenzgebieten auf Schweizer Seite. Es gibt mehr Vogelarten als in der Schweiz. Und auch die Chance, eine bedrohte Vogelart zu sehen, ist jenseits der Grenze größer, als wenn man in der Schweiz nach ihr suchen würde.

Stephan Trösch, 65, gehörte zu den 700 Freiwilligen, die zwischen 2013 und 2016 für die Vogelwarte Sempach auf einem oder mehreren Quadratkilometern die Vögel zählten und bestimmten.

Trösch hat gleich drei Gebiete betreut. Jedes musste er dreimal besuchen. So konnte er nicht nur bestimmen, ob eine Feldlerche, eine Amsel oder ein Gartenrotschwanz in einer Gegend überhaupt vorkommen, sondern auch, wie häufig. Dafür stand Trösch jeweils um drei Uhr auf, damit er um vier im Morgengrauen, wenn der erste Vogelgesang zu hören ist, im Feld war. Immer mit dabei: Feldstecher, Katasterplan, Klemmbrett und Stift.

Der Brutvogelatlas, 650 Seiten dick, ein Standardwerk, erscheint heuer zum dritten Mal und gilt als Referenzwerk, das den Zustand der einheimischen Brutvögel akribisch festhält und eine Grundlage für Maßnahmen in der Naturschutzpolitik ist.

Neben einigen guten Nachrichten, vermittelt er auch viele schlechte. Die schlechteste von allen: Im Kulturland, also dort, wo sich die Vögel den Lebensraum mit den Bauern teilen, gingen die Bestände der insektenfressenden Vögel seit 1990 um 60 Prozent zurück. Im Gegensatz dazu nahmen jene Insektenfresser, die im Wald zu Hause sind, um 25 Prozent zu. "Die Pestizide, die in der Schweizer Landwirtschaft angewendet werden, sind wesentlich für das Verschwinden der Insekten verantwortlich", sagt Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach. "Die Vögel finden deshalb nicht mehr genug Nahrung für ihre Jungen und verlassen das Gebiet nach und nach."

In der Schweiz ist die Situation dramatischer als in den Grenzregionen im Ausland. Und dies, obwohl sich die Gegenden weder klimatisch noch geologisch unterscheiden.

Was gibt es in Deutschland, was in der Schweiz fehlt? Die Antwort liefert ein Luftbild der Gemeinden Wallbach im Aargau und Wallbach in Baden-Württemberg. Die beiden Ortschaften sind nur durch den Rhein getrennt – und doch ganz unterschiedlich. Auf der deutschen Seite des Rheins ist auf dem Luftbild ein Durcheinander aus Feldern, Gehölzen, Hecken, Obstbäumen und Alleen zu sehen, während auf Schweizer Seite ein grafisches Bild von rechteckigen Feldern ins Auge sticht.

Die Unterschiede, die sich in Wallbach aus der Luft feststellen lassen, zeigt Stephan Trösch auf dem Boden. In Büsslingen, Baden-Württemberg, im Obstgarten und der Landschaft, die daran anschließt. Trösch steht da in Outdoor-Montur und ist begeistert. Hört eine Feldlerche rufen, eine Dohle. Er weist auf die Bedeutung der Hochstammbäume hin, unter denen wir stehen. Und darauf, dass diese im Laufe der Jahre natürliche Höhlen bildeten – ideale Brutstätten für den Gartenrotschwanz oder den Wendehals. Er freut sich am nicht gemähten Grasstreifen zwischen den Stämmen, am liegen gelassenen Fallobst und dem Asthaufen, der vor sich hin modert – da finden Igel einen Unterschlupf, da tummeln sich Insekten. 65 Prozent der Vögel ernähren sich ganz oder teilweise von ihnen, und fast alle Jungvögel werden mit den proteinhaltigen Tierchen großgezogen. Trösch lobt die Hecke, die dort beginnt, wo der Obstgarten endet – ein Rückzugsort, wenn Gefahr droht, ein Brutplatz für Heckenbrüter wie der Neuntöter. Dann unterbricht er, hält inne, lauscht: "Da ist was!" Mit der Hand deutet er in die Wiese neben der Hecke: Drei Rehe kommen aus dem Grün geschritten, bleiben im hohen Gras stehen, äsen.