Ein Krimi, der mit einer solchen Ortsbeschreibung beginnt, ist ein Versprechen auf mehr als reine Spannung: "Als würden die Gebäude über die Menschen hereinbrechen. Eins, zwei, Würfelhusten, große Würfel, alle tot." Seit einem Jahrzehnt mischt Simone Buchholz von Hamburg aus das Blaulichtgenre mit ihrer virtuosen Reihe um die trinkfeste und szenenahe deutschamerikanische Staatsanwältin Chastity Riley auf. Die jüngsten drei Romane erschienen gar im Suhrkamp Verlag, der Ritterschlag für Lokalkrimis.

Der neueste Coup, der mit einem Mord am betonwürfelverunstalteten Mexikoring in Winterhude beginnt – der junge Nouri Saroukhan verbrannte in seinem Auto –, spielt zu großen Teilen allerdings in der Nachbarstadt, denn er thematisiert das reale Bremer Problem krimineller Libanesen-Clans, sogenannter Mhallamiye-Kurden. Beim Mexikoring-Mord kommen zwei solche Clans als potenzielle Auftraggeber in Betracht. Die mächtigen Saroukhans selbst – der intelligente Nouri war ein verstoßener Sohn. Und der Clan der Antelis, mit deren ebenfalls abtrünniger Tochter Nouri ein Verhältnis hatte, was in eingestreuten Szenen als Romeo-Julia-Romanze in der Bremer Bronx ausgemalt wird.

Wieder ist es ein Genuss, der Aufklärung des Falls weitgehend aus der Perspektive der schnodderigen, urteilsstarken Protagonistin zu folgen: "Bargfrede ist echt das neue Arschcool." Oder: "Mäuschen. Lauf du mal ne Meile in meinen Schuhen." Das immense Sprachgefühl der Autorin sorgt dafür, dass der lakonische Tonfall auch auf Dauer nicht nervt. Und wie Simone Buchholz hartgesottene Dialoge arrangiert, als wären sie ein lässiges Tischtennismatch – hin und her fliegende Bälle, aus dem Nichts kommendes Schmettern –, das ist hohe Schreibkunst.

Und doch bleibt diesmal ein Unbehagen, ein doppeltes sogar. Zum einen scheint die emotional immer schon instabile Staatsanwältin aktuell doch arg aus dem Tritt geraten zu sein, so sehr, dass sie als Figur beinahe uninteressant wird. Die Erzählerin übertreibt es schlicht mit den Bezugnahmen auf die schluchttiefe Müdigkeit der Heldin. Zum anderen scheint es, als ob Buchholz mit der Aufzählung von weltweit brennenden Autos eine sozialapokalyptische Stimmung suggerieren wolle – es geht über die Aufzählung aber nie hinaus, der seltsame Bürgerkrieg wird nicht weiter erwähnt.

Das unmotiviert Derangierte der Heldin und der Gesellschaft kann jedoch nur derart ins Auge springen, weil bei aller Pointensicherheit die Konstruktion des Falls diesmal bis in die Auflösung hinein schwach geraten ist. Viel wird über den darwinistischen Ehrbegriff der Clans gesagt – "Es existiert nur der Stärkere" –, aber wie pauschal das geschieht, klingt es doch arg nach Boulevardjournalismus: "Für die ist unser ganzes Getue um Humanismus und Respekt vor dem Individuum ein Rätsel". Die Küchenethnografie geht sogar noch weiter: Den allein auf Stämme schwörenden Menschen aus dem Nahen Osten sei nämlich Humor unbekannt. Deshalb könne man mit ihnen nicht kommunizieren. Die Frage ist nicht, inwiefern die Klischees stimmen und beispielsweise die unablässig weich geprügelten Mädchen nur als Verkaufsmasse an Cousins zählen, sondern ob man das nicht auch subtiler darstellen könnte. Vielleicht muss die angezählte Protagonistin nach acht Büchern erst mal ihren Burn-out auskurieren, um frech und zackig zurückzukehren. Es wäre ein Vergnügen.

Simone Buchholz: Mexikoring
Kriminalroman; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 250 S., 14,95 €