Hunderte Priester missbrauchen Kinder? Alleine in Deutschland? Aberhunderte Täter? Nein, wer so etwas behauptet hätte, wer es behauptet hatte – bis vor einer Woche –, der hatte sich disqualifiziert vom seriösen Diskurs in Kirche und Politik. Einzeltäter, natürlich, die gab es, immer wieder und vielerorts – natürlich, wie könnte es anders sein, so ist der Mensch nun mal, so ist die Gesellschaft, so ist leider auch Kirche manchmal. Aber Hunderte, Aberhunderte?

1670. Eintausendsechshundertundsiebzig. 1670 Täter gab es nach der kirchenoffiziellen Statistik, die ZEIT und Spiegel vergangene Woche vorab veröffentlichten und die die Bischöfe kommende Woche dem Land vorlegen wollen. Es ist diese Zahl, mehr noch als die der amtlich dokumentierten 3677 sexuellen Gewalttaten, die den Schleier des Selbstbetrugs wegreißt von der katholischen Kirche zwischen Bergen und Küste. Die Zahl offenbart eine Institution, die sich beruhigte und betrog mit der Illusion, ihr Missbrauchsproblem sei partikular und peripher, nicht endemisch und existenziell.

Ist der eigens eingesetzten bischöflichen Untersuchungskommission überhaupt klar, was sie da zutage gefördert hat? Erfasst sie das Ausmaß ihrer Erkenntnisse? Oder geht die Bischofskonferenz bei ihrer Herbstvollversammlung kommende Woche gleich wieder zur Tagesordnung über? 1670 kirchenamtlich festgestellte Täter in den eigenen Reihen zwischen 1946 und 2014: Die Zahl ist eine Mindestzahl, denn bei Weitem nicht alle Bistümer kooperierten in gleicher Weise bei der Untersuchung, nicht alle konnten alle Akten finden, manche Bestände waren vorsätzlich und rechtzeitig vernichtet worden. Und ohnehin – bis ein Fall von Übergriff, Misshandlung, Missbrauch oder offenkundiger Vergewaltigung überhaupt den Weg in die Akten fand, musste schon viel geschehen sein.

Während draußen in der Welt – in der MeToo-Debatte – bis heute über Definitionen des Unerlaubten gestritten wird, kann man bei #ChurchToo allemal davon ausgehen: In die Akten wurden allenfalls die schweren Fälle aufgenommen, wenn also alles Wegsehen des Apparates, alles Beschweigen, alles Beschwichtigen, alle Einschüchterung der Opfer nicht mehr gegriffen hatte. 1670 markiert eine Minimalschätzung, nicht den Maximalschaden.

Und doch gibt es jetzt eine Größe, die keine gutgläubige Pfarrsekretärin, kein ungläubiger Rechtskatholik (der die Wahrheit nicht wahrhaben will), kein achselzuckender Linkskatholik (der seiner Kirche schon immer alles Schlechte zugetraut hat), kein Pfarrer, kein Bischof, kein Kardinal mehr aus der Welt schaffen kann.

Von einem katholischen 9/11 sprach darum in Rom Georg Gänswein, der Doppelsekretär der zwei Päpste Benedikt und Franziskus. Anders als Gänswein es andeutet, kommt der Angriff auf die Kirche nicht von außen, von einem namenlosen Bösen. In seiner Dimension aber hat der Sekretarius das Desaster auf den Punkt gebracht: Aberhunderte Täter, Tausende von Opfern mitten in Deutschland – so klar wurde das bis letzte Woche nirgends benannt. Erst jetzt hat also der katholische Missbrauchsskandal in Deutschland einen Namen: "#1670" ist der katholische 11. September – und der Sturzflug auf die Kirchtürme im Land wurde ausschließlich von den eigenen Leuten herbeigeführt.

13.560 Pfarrer umfasst die katholische Kirche derzeit laut eigener Statistik – und 1670 Missbraucher zählt der Untersuchungsbericht. Natürlich wäre es ein Kurzschluss, zu sagen, mehr als zehn Prozent der Pfarrer sind Täter, denn der Untersuchungsbericht zählt die Verbrechen über die Jahrzehnte seit dem Krieg zusammen. Trotzdem: Bei 1670 dokumentierten Angreifern aus den eigenen Reihen kann man nicht mehr von Tätern in der Kirche sprechen, bei 1670 ist die Kirche der Täter.

Wer davon jetzt versucht abzulenken, der hat sein Recht verwirkt, für die Kirche zu sprechen. Erste Ansätze zeigen sich bereits: Passaus Bischof Stefan Oster tut sich in seiner Lieblingsdisziplin hervor, der Selbstkritik an anderen. Einen großen Kehraus wünscht er sich im verlotterten Laden lauer Christen und un-strammer Funktionäre. Dass gerade die von ihm als Jugendbischof gepflegte und beschützte Form einer evangelikal-charismatisch übersteigerten Jesus-Liebe Missbrauch nicht gerade vorbeugt, lässt er gerne unter den Tisch fallen.

Aber auch auf der Linken, bei liberalen Laien wie Bischöfen, wird bereits im Vorgriff auf das Herbsttreffen der Bischofskonferenz munter an neuen Dolchstoßlegenden gestrickt. Bischof Stephan Ackermann, von Kardinal Marx & Kollegen zum Chefaufklärer in der Angelegenheit gekürt, widmet seine erste Presseerklärung zu der Statistik nicht Gewalttätern und -taten, sondern dem in seinen Augen unerhörten Vorgang, dass die freie Presse und nicht seine unfreie Pressestelle die Zahlen an die Öffentlichkeit brachte.