Wenn Shaun Dougherty darüber spricht, wie er als Kind missbraucht wurde, erzählt er zuerst von jenen, die nicht mehr leben. Von einem Schulkameraden, der sich totgesoffen hat. Von einem Bekannten, der sich erhängte. Von einem Priester, der all die Verbrechen vertuschte und einen friedlichen Tod starb, bevor die Öffentlichkeit von seinen Taten erfuhr. "Deshalb habe ich mir geschworen, irgendwann alles öffentlich zu machen", sagt Dougherty. "Jetzt ist es so weit."

August 2018, draußen brennt die Sonne auf die Hochhausfassaden von Queens, New York, drinnen sitzt Dougherty an der Bar seines eigenen leeren Restaurants wie ein Gast, der noch nicht gehen will. Die Geschichte, die er erzählt, handelt von einem der größten Missbrauchsskandale der katholischen Kirche. Über Jahrzehnte missbrauchten Priester in seiner Heimat Pennsylvania Minderjährige. Über Jahrzehnte tat die Kirche alles, um das zu verschleiern. Doughertys Geschichte handelt aber auch davon, wie sich das gesellschaftliche Klima ändern kann, wie plötzlich Aufklärung möglich wird. Blickt man in die USA, sieht man, wie weit unabhängige Ermittlungen tragen – und wo ihre Grenzen sind.

Es ist nun einen Monat her, dass in Harrisburg, Pennsylvania, der Generalstaatsanwalt Josh Shapiro vor die Presse trat und Zahlen verlas, die um die Welt gingen: Nie zuvor erschien in den USA ein Bericht, der mehr Täternamen nennt. Über 300 Priester hätten sich in einem Zeitraum von 70 Jahren in sechs Diözesen des US-Bundesstaates des Missbrauchs schuldig gemacht, mehr als 1000 Menschen wurden Opfer, von Kleinkindern bis zu Jugendlichen. Dass es zu dem Bericht kam, liegt auch an Doughertys Aussage. Shaun Dougherty ist ein wuchtiger Mann mit einem lauten Lachen, er trägt ein weißes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Der 47-Jährige ist gelernter Koch, man kann sich vorstellen, wie er ein Küchenteam herumkommandiert. Jetzt erzählt er von seiner Kindheit.

Dougherty wuchs in Johnstown auf, einer 20.000-Einwohner-Stadt im Herzen Pennsylvanias. Einst florierte die Stadt, die Männer schufteten in den Stahlwerken, die Frauen kümmerten sich um die Kinder, und sonntags traf man sich in der Kirche. Dann entließen die Stahlwerke immer mehr Arbeiter, irgendwann war da nur noch die Kirche. Für ihn und seine acht Geschwister, sagt Dougherty, war der Glaube der wichtigste Halt. Ein Priester war für Shaun eine gottgleiche Figur: einer, der per Handauflegen Sünden erlassen kann.

Dougherty besuchte eine katholische Highschool, und über die Jahre entwickelte sich sein Religionslehrer zum Mentor: George Koharchik war ein junger, moderner Priester, der sich der Kinder annahm wie keiner. Er unterrichtete nicht nur Religion, er trainierte die Kinder auch auf dem Squash- und dem Basketballfeld, er nahm sie mit auf Ausflüge. Neben seinen Eltern, sagt Dougherty, gab es in seiner Kindheit keine prägendere Figur als Koharchik.

Koharchik sei ständig in seiner Nähe gewesen. Ungefähr ab seinem zehnten Geburtstag habe sich etwas verändert. Plötzlich nahm der Priester ihn bei jeder Gelegenheit auf den Schoß: im Büro, bei Ausflügen, im Auto. Immer wieder, erzählt Dougherty, fasste Koharchik ihm zwischen die Beine, streichelte seinen Penis, jedes Mal ein bisschen mehr. "Ich hatte meine erste Erektion, meine erste Ejakulation in den Händen dieses Mannes." Es fühlte sich falsch an, aber konnte es falsch sein, wenn ein Priester es tat?

Dougherty war 13 Jahre alt, so erzählt er es, als sich Pastor George nach einem Squashspiel zu ihm in die Dusche schlich. Koharchik habe plötzlich im Türrahmen gestanden, ein Mann mit mächtigem Bauch und haariger Brust. Er sei nackt gewesen, in der Hand ein Stück Seife. Der Pastor, sagt Dougherty, sei auf ihn zugesteuert "wie ein Raubtier auf seine Beute". Dougherty war nicht allein, ein Freund stand unter der Dusche, aber sie beide seien wie gelähmt gewesen. Erst als Koharchik ihm zwei Finger in den Anus stieß, habe er begriffen, was der Priester trieb. Dougherty stieß ihn weg – und wurde seitdem verschont.

Der Mann, der Shaun Dougherty missbrauchte, wohnt noch heute in dessen Heimatstadt Johnstown. George Koharchik ist jedoch nicht mehr Pfarrer. Er lebt allein. © Sebastian Kempkens für DIE ZEIT

Ermittler haben belegt: Nach dem Vorfall in der Dusche missbrauchte George Koharchik andere Kinder noch über Jahre. 1984, kurz nach dem Übergriff auf Dougherty in der Dusche, konfrontierten die Eltern zweier missbrauchter Brüder den Bischof der Diözese. Koharchik wurde daraufhin in eine andere Gemeinde versetzt. Allerdings: Der Priester durfte noch ein halbes Jahr in Johnstown unterrichten, die missbrauchten Kinder waren weiter in seiner Klasse. Als er versetzt wurde, verheimlichten die Verantwortlichen die Gründe. Weder in Johnstown noch in Koharchiks neuer Gemeinde erfuhr die Öffentlichkeit, dass der Priester ein Sexualstraftäter ist.

Warum blieben Missbrauchsfälle geheim? Weil Täter von ihren Vorgesetzten geschützt wurden. Die Opfer sollten schweigen und wurden allenfalls mit Geld abgefunden. Auch das belegt der Bericht der Grand Jury, und zwar sehr genau für jedes des Bistümer: einige Tausend Dollar Entschädigung gab es etwa für das Befummeln über der Kleidung, deutlich höhere Summen für Penetration.