Frage: Herr Bilgri, Sie haben als ehemaliger Benediktinermönch und Prior des Klosters Andechs ein Buch wider den Zölibat verfasst. Inwieweit ist er verantwortlich für den Missbrauch in der katholischen Kirche?

Anselm Bilgri: Der Zölibat ist nicht die Ursache, aber er begünstigt den Missbrauch. Offensichtlich werden Menschen mit einer verkorksten Sexualität vom Zölibat des katholischen Priestertums besonders angezogen.

Frage: Inwiefern?

Bilgri: Viele Missbrauchstäter handeln als Gelegenheitstäter, weniger aus einer pädophilen Veranlagung heraus, sondern weil sie nie gelernt haben, auf Augenhöhe auf einen Sexualpartner zuzugehen, wenn sie ihre Libido spüren. Deshalb machen sie sich an die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen heran. Der Zölibat trägt dazu noch weiter bei.

Frage: Missbrauch gibt es auch in weltlichen Institutionen ...

Bilgri: Die Kirche vertritt aber nach außen eine sehr strikte Sexualmoral, die sie nach innen nicht lebt. Ein klaffender Widerspruch zwischen Tat und Wort, zwischen Sein und Schein. Das nenne ich Doppelmoral, wenn nicht gar Heuchelei.

Frage: Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass die Kirche den Zölibat abschaffen wird? Er ist in mehreren Konzilsbeschlüssen festgelegt worden und somit ehernes Gesetz.

Bilgri: Konzile sind seit je von Majoritäten manipuliert worden. Beim Zölibat hat sich eine leibfeindliche Strömung durchgesetzt, die sich auf die Antike berief. Das führte zu einer allmählichen Geringschätzung der Ehe zugunsten der Enthaltsamkeit und Jungfräulichkeit. Dazu kam, dass das Papsttum im Mittelalter das mönchische Leben zum Ideal stilisierte. Die Priesterweihe war mit Sex und Ehe seit 1139, dem Zweiten Lateranischen Konzil, unvereinbar.

Frage: Das klingt ja so, als ob die kirchlichen Gesetze vorrangig der Triebunterdrückung dienten ...

Bilgri: Es ging um die Domestizierung der Sexualität, der ewigen Versuchung, seit die Schlange im Paradies die Sündenfrucht der Eva offerierte. Das Keuschheitsgelübde des Mönchstums griff dann allmählich auf das gesamte Weltpriestertum über. Es ist auffällig, dass heute ein Großteil der Priester den Zölibat nicht einhält. Die Kirche weiß es, akzeptiert es auch, wahrt aber den Schein. Ein Gebot, das sowieso nicht eingehalten wird, kann man auch abschaffen.

Frage: Es gibt in anderen Religionen auch sexuelle Askese ...

Bilgri: Zeitlich beschränkt oder auch ewig kann sie zur spirituellen Erleuchtung beitragen. Aber der Asket muss selbst bestimmen dürfen, wann er diese Phase beendet. Ein Grund für den großen Nachwuchsmangel in den Orden ist, dass junge Menschen nicht mehr ein Leben lang auf Sexualität oder eine Eheschließung verzichten wollen. Verlässt ein Mönch das Kloster, haftet ihm der Ruf eines Verräters an. Das muss sich ändern.

Frage: Sie sind mit 19 Jahren, gleich nach dem Abitur, in ein Priesterseminar in München eingetreten. Haben Sie sich damals mit dem Zölibat auseinandergesetzt?

Bilgri: Ich war enthusiastisch und felsenfest davon überzeugt, dass der Zölibat sinnvoll ist. Damals dachte ich, dass ich ihn einhalten könnte. Zwei Jahre später wurde ich Benediktiner in der Abtei St. Bonifaz in München mit dem angeschlossenen Wirtschaftsgut Kloster Andechs. Als Novize und junger Mönch machte ich mir über meine sexuellen Bedürfnisse und den Umgang damit keinerlei Gedanken.

Frage: War Sexualität in der Priesterausbildung kein Thema?

Bilgri: Über Sexualität wurde nie gesprochen, jeder suchte für sich seinen Ausweg, wenn er in Konflikt mit dem Zölibat geriet. Die Ausbildung, die Tätigkeit, die Verantwortung lenken einen im Gegenteil zunächst stark ab von dem Thema. Erst im Laufe der dreißig Jahre meiner Ordenszugehörigkeit bin ich realistischer geworden, was mich persönlich und viele andere Ordensleute und Priester betrifft, die ich im Lauf der Zeit kennengelernt habe.

Frage: Was bedeutet das konkret?

Bilgri: Als ich bereits Mönch war, begann auch ich mich nach Nähe, nach Geborgenheit, nach Zärtlichkeit zu sehnen und sie auch zu suchen. Ich tat es so wie fast alle, die das Gelübde der Ehelosigkeit gegeben haben: im Geheimen, mit Gewissensskrupeln, auch mit Angst vor der Entdeckung und den Konsequenzen, die das Kirchenrecht vorsieht. Es war schrecklich. Mein Ordensaustritt war zwar nicht primär vom Zölibat bestimmt, aber er spielte eine Rolle. Ich weiß, wie sehr Priester und Ordensleute unter dem Zölibat leiden. Ja, auch Mönche, auch Priester haben eine Sexualität.

Frage: Die Familie eines zölibatären Priesters ist die Kirche. Ein Familienmitglied lässt man nicht fallen. Deckt sie deshalb ihre verirrten Priester?

Bilgri: Familiensolidarität klingt mir in diesem Zusammenhang zu wohlwollend. Die Kirche produziert Schuldgefühle bei den Gestrauchelten. Das vergrößert deren Abhängigkeit noch weiter. Auf Dauer wird dieses System bei den Menschen nicht mehr ziehen.