Dass der Zug um 11.07 Uhr am Bahnhof Dresden einfährt, freut einen Uhrenmenschen wie Uwe Ahrendt: Zum einen weil 11.07 Uhr in diesem Fall eine fahrplanmäßige, also pünktliche Ankunft bedeutet. Und zum anderen weil die Uhr um 11.07 Uhr freundlich dreinblickt. Der Stundenzeiger zeigt nach links oben, der Minutenzeiger nach rechts. Sie formen ein Lächeln, so sieht es Ahrendt jedenfalls. Freundliche Uhren würden sich auch besser verkaufen, sagt Ahrendt, der Geschäftsführer des Uhrenherstellers Nomos Glashütte ist.

Der Manager steht am Bahnhof, weil er Judith Borowski abholen will, die die Bereiche Marke und Design bei Nomos verantwortet. Borowski reist einmal im Monat aus der Berliner Filiale in den Südosten.

Diese freundliche Welt, in der Uhren lächeln und Chefs ihre Kollegen vom Bahnhof abholen, ist nun in Gefahr. Denn die teils gewalttätigen Demonstrationen in Sachsen beschädigen nicht nur das Image der Städte, sondern auch das eines Unternehmens wie Nomos. In das ostdeutsche Industrie-Idyll ist in den vergangenen Wochen auf einmal die hässliche politische Realität eingedrungen.

Aber erst mal geht es vom Bahnhof Dresden in Ahrendts hellblauem Mercedes-Oldtimer, Modell 190, die Uhr im Armaturenbrett ist auf halbfreundlichen zehn Uhr stehen geblieben, nach Glashütte. Ahrendt nennt es ein sympathisches Auto; wenn er irgendwo parke, werde er immer direkt angesprochen. Uwe Ahrendt will ein netter Kerl sein, genauso wie Nomos Glashütte ein nettes Unternehmen sein soll.

Die Ereignisse in Chemnitz könnten am Image des Unternehmens kratzen

Bislang hat das ziemlich gut geklappt. Das Unternehmen, welches 1990 gegründet wurde, wächst und wächst. Was die Stückzahlen angeht, ist Nomos inzwischen der größte Hersteller in Deutschland. Was den Umsatz angeht, rangiert das Unternehmen auf dem dritten Platz, hinter Lange & Söhne und Glashütte Original. 250 Menschen arbeiten am Standort in Glashütte, 50 in Berlin, fünf in einem New Yorker Büro. Das Modell Metro, das sowohl Ahrendt als auch Borowski an diesem Tag am Handgelenk tragen, ist in diesem Jahr zum sechsten Mal für sein Design ausgezeichnet worden.

Die Uhren, die Nomos designt, herstellt und verkauft, sind keine Protzuhren wie eine diamantbesetzte Rolex oder eine Weißgold-Krokodilleder-Patek-Philippe. Nomos ist bauhausmäßig schlicht. Preislich gehoben, aber finanziell erreichbar. Wäre die Uhr ein Mensch, man würde wohl sagen: ganz sympathischer Kerl.

Doch nun hat Nomos ein Problem, haben Ahrendt und Borowski ein Problem: Die Ereignisse in Chemnitz könnten dieses sympathische Image ankratzen. Seit den Ausschreitungen erreichen E-Mails und Briefe das Unternehmen, in denen Kunden sich besorgt zeigen: "Kann ich sicher sein, durch den Kauf einer Uhr aus Glashütte nicht Menschen in Lohn und Brot zu halten, die ihrerseits Pegida und vergleichbaren politischen Unfug unterstützen?", will ein Kunde aus Baden-Württemberg wissen. Oder: "Besteht die Gefahr, dass Sie Menschen beschäftigen, die in ihrer Freizeit den Hitlergruß zeigen?"