Oft wird behauptet, Landwirte kümmerten sich um Nutztiere. Aber das stimmt nicht. Landwirte wollen keine Hähne, keine Ziegenböcke, keine Bullen, keine männlichen Ferkel. Für die Bauern sind die Männchen keine Nutztiere, sondern das Gegenteil, Wegwerftiere. Sie geben keine Milch und legen keine Eier. Bei einigen jungen Ebern stinkt das Fleisch. Sie alle werden nicht gebraucht. Sie sollen verschwinden.

Wenn am Freitag im Bundesrat über die Kastration von Ferkeln verhandelt wird, verbirgt sich dahinter eine große Frage der modernen Landwirtschaft. Sie lautet: Was tun mit dem unerwünschten Geschlecht?

Diese Frage würde sich wahrscheinlich nicht stellen, wenn sich die deutsche Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten nicht radikal verändert hätte. Inzwischen wurden die Methoden der Tierhaltung dem aggressiven Wettbewerb angepasst. Das Zeitalter der Agro-Industrie ist angebrochen, die eigene Gesetze geschaffen hat, grausame Gesetze. Die Folgen bekommen die Tiere zu spüren, die mit dem Makel des falschen Geschlechts geboren werden.

Es gäbe einen Ausweg aus dem Dilemma, aber er ist noch weit entfernt, er verlangt nach Fantasie, und um ihn zu finden, muss man sich mit den Tieren befassen. Dieser Ausweg hat mit Weihnachten zu tun.

Der Eber

20 Millionen Ferkel werden jedes Jahr kastriert

In dem Streit um die Kastration von Ferkeln sind Bilder des Schreckens bekannt geworden: Ein Bauer klemmt sich ein Ferkel zwischen die Beine, ritzt mit einem Skalpell zwei Schlitze in die Haut über den Hoden, zieht die Testikel heraus und durchtrennt die Samenleiter. Das Ferkel quiekt dabei, es ist nicht betäubt. Lange ging man – wie früher bei menschlichen Säuglingen – davon aus, dass ein junges Schwein noch kein Schmerzempfinden hat. Heute weiß man es besser.

Trotzdem werden in Deutschland Jahr für Jahr rund 20 Millionen Ferkel auf diese Weise kastriert. Vor fünf Jahren wurde beschlossen, dass die Kastration ohne Betäubung verboten werden soll, und seither kämpfen die Bauernverbände dagegen. Für jede Betäubung den Tierarzt zu holen sei zu teuer, das koste pro Ferkel zwischen 5 und 15 Euro. Und die Kalkulation der Schweinewirte ist ohnehin sehr knapp. Fast 40 Euro stecken sie in die Aufzucht eines Ferkels, bevor es nach 70 Tagen für durchschnittlich 45 Euro an einen Mäster verkauft wird. Die Preise schwanken, je nachdem, was die Schlachthöfe gerade zahlen.

Werner Schwarz, Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes und selbst Sauenhalter, ist sich sicher: "Es wird nicht dazu kommen, dass Tierärzte die Ferkel kastrieren." Was passiert dann?

Dass die Landwirte die Ferkel selbst betäuben, ist gesetzlich verboten. Die männlichen Tiere nicht zu kastrieren ist undenkbar, denn Eber bekämpfen sich gegenseitig, wenn sie so eng miteinander gehalten werden, wie dies in der Agro-Industrie üblich ist. Außerdem stinkt das Fleisch von etwa fünf Prozent aller unkastrierten Eber so bestialisch, dass einem sofort der Appetit auf Grillfleisch vergeht. Wenn Eber geschlechtsreif werden, entwickeln sie einen derben Geruch, bei manchen Tieren ist er extrem stark. "Stinker" nennen Landwirte diese Tiere. Die Stinker erfüllen auch eine politische Aufgabe. Sie versinnbildlichen, dass Männchen für die Landwirtschaft eine Plage sind. Wer es mit einem Stinker zu tun bekommt, kann die Sorgen der Bauern besser nachvollziehen.