Noch wissen die Sauenhalter nicht, was sie mit den Ferkeln tun sollen, wenn es bald verboten sein soll, die Tiere ohne Betäubung zu kastrieren. Fest steht nur: Der Eber kann nicht bleiben. Droht ihm dasselbe Schicksal wie dem Bullen?

Der Bulle

Kranke Kälber werden nach der Geburt entsorgt

Eines der Gesetze der Agro-Industrie, das auch von Vegetariern gern kleingeredet wird, lautet: Kühe geben nur Milch, wenn sie einmal im Jahr ein Kalb gebären. Ohne diese Kälber gäbe es keine Butter, keinen Käse, keinen Joghurt. Ein Deutscher verzehrt davon im Jahr fast 100 Kilogramm. Viel mehr als Brot, Kartoffeln oder Nudeln.

Bloß: wohin mit den Nebenprodukten der Milch, den Kälbern?

Damit sich die Kuh nicht an das Kalb bindet, wird es sofort nach der Geburt von ihr getrennt. Denn die Kuh soll unabhängig vom Kalb Milch geben. Ähnlich wie eine menschliche Mutter schüttet sie Hormone aus, während sie ihr Kälbchen säugt, und stellt ihre Milchproduktion auf das Kalb ein. Die moderne Milchkuh soll aber nicht dann Milch geben, wenn das Kalb trinkt, sondern dann, wenn die Melkmaschine an ihrem Euter hängt. Der Trennungsschmerz der Kuh wird überlagert von dem Schmerz des prallen Euters. Das Melken macht die Kühe gefügig. Der eine Schmerz wird gegen den anderen Schmerz ausgespielt. Auch diese Kalkulation der Schmerzen ist ein Gesetz der Agro-Industrie.

Die weiblichen Kälber werden zu Milchkühen herangezogen. Ihnen steht ein kurzes Leben bevor. Die Kühe sind klapperdürr, groß an ihnen ist nur ihr Euter. Irgendwann geben sie mehr Milch, als sie verkraften können. Sie können den gewaltigen Energiebedarf ihrer eigenen Milchproduktion nicht mehr durch Nahrung decken. Es geht mehr raus, als reinkommt, ein Zuchtdefekt, der in der Agro-Industrie "negative Energiebilanz" heißt. Auch die Kuh wird nun nicht mehr benötigt. Im Alter von durchschnittlich fünfeinhalb Jahren kommt das Tier, das unter natürlichen Bedingungen 20 Jahre alt werden kann, zum Schlachter, der über die Lieferung nicht glücklich ist: Das Fleisch der Milchkühe ist fad und erzielt nicht dieselben Preise wie das der Rinderrassen, die für die Fleischproduktion gezüchtet wurden.

Ein männliches Kalb – auch eines, das auf einem Biohof geboren wird – wird meist von einem Viehhändler abgeholt, wenn es zwei Wochen alt ist. Er zahlt für das Kalb zwischen 80 und 150 Euro, je nachdem, wie schwer und wie gesund es ist und wie die Preise gerade sind. Der Händler fährt das Kalb zum Mäster, der es in 26 bis 28 Wochen auf sein Schlachtgewicht von 150 Kilo bringt.

Millionen von Kälbern werden Tausende von Kilometern quer durch Europa und noch weiter weg gefahren. Die Zahl der Rindertransporte aus Deutschland in die Türkei hat sich in den vergangenen Jahren verzehnfacht.

Eine Geschichte wird unter Landwirten erzählt, die Geschichte geht so: Bullenkälber, die nach der Geburt schwach oder krank sind, lohnen sich nicht. Man hört diese Geschichte so oft, dass man auf den Gedanken kommen kann, es sei etwas dran. Manche Landwirte erzählen von Kälbern, die auf den Misthaufen geworfen oder vor Höfen ausgesetzt werden, wo sie verhungern oder erfrieren. Keiner der Landwirte gibt öffentlich zu, daran beteiligt zu sein.

Wenn die Kälber nicht von selbst trinken, muss man ihnen die Flasche geben, und das dauert eine Viertelstunde – zu lange für den eng getakteten Stallgang. Wenn die Bullenkälber krank sind, werden sie oft nicht versorgt und gehen elend zugrunde. Besonders dann, wenn das Geld knapp wird, ist der Tierarzt in der engen Preiskalkulation der Bauern zu teuer. Der Tierarzt Michael Drees sagt, er und seine Kollegen würden seltener zu Bullenkälbern gerufen, wenn die Kälberpreise im Keller seien – und seit die Milchpreise gesunken sind, auch seltener zu weiblichen Kälbern.

50 Euro kostet das Kalb einen Landwirt in jeder Woche, in der es im Stall steht. "Da ist man ganz schnell in den roten Zahlen", sagt Hans Foldenauer, der Vorsitzende des Verbandes der Milchviehhalter. Er gibt zu: "Bei einem kranken Bullenkälbchen holt man einmal den Tierarzt, auch zweimal. Aber dann legt sich ein Schalter im Kopf um, und man sagt: Wenn es die Nacht nicht übersteht, dann ist es eben so."