Ein Kalb muss bis zu seinem siebten Lebenstag registriert werden. Dann bekommt es eine Ohrmarke mit einer Nummer, über die sein weiterer Weg nachverfolgt werden kann. Diese ersten sieben Tage, in denen ein Kalb noch nicht gemeldet werden muss, sind das große dunkle Loch, in dem einige Tiere verschwinden.

Ein Bullenkalb hat dann gute Chancen zu überleben, wenn es gesund und stark zur Welt kommt und wenn die Preise der Mäster hoch sind.

Milchviehzüchter könnten gesextes Sperma kaufen, aus dem nach der Befruchtung weibliche Kälbchen werden, aber das ist teuer. Für die Betriebe ist es günstiger, männliche Kälbchen zu verramschen.

Sucht man nach den Gründen dafür, dass die Agro-Industrie keine männlichen Tiere duldet, dann muss man grundsätzliche Fragen stellen:

Sind die Bauern brutal, weil ihnen jede Moral abhandengekommen ist?

Nein. Die meisten Bauern sprechen mit großem Schmerz darüber, dass sie die Hälfte der Tiere verlieren.

Sind die Landwirte gierig, weil sie um jeden Preis reich werden wollen?

Nein. Die wenigsten Bauern sind reich. Die meisten beuten sich selbst und ihre Familie aus, stehen täglich zwölf Stunden im Stall, auch am Wochenende.

Tragen die Kunden die Verantwortung? Wollen sie keine höheren Preise für Fleisch zahlen? Sind sie geizig?

Nur zum Teil. In kaum einem industrialisierten Land der Welt geben Menschen so wenig Geld für Essen aus wie in Deutschland. Die Deutschen sagen, sie wollen mehr Tierschutz – aber sie wollen auch viel und günstiges Fleisch essen. Andererseits wurden sie daran gewöhnt, dass Fleisch, Eier und Milch so günstig sind. "Die Verbraucher zahlen eben das, was es kostet", sagt Milchviehhalter Foldenauer.

Sind ganz andere Menschen schuld, weil sie fatale Entscheidungen treffen, die sich auf die Tiere auswirken?

Ja. Es sind Menschen, die Milchquoten festlegen und dann wieder abschaffen, die mal subventionieren und dann wieder nicht, die in einem Jahr diese Anreize setzen und im nächsten Jahr andere. Diese Menschen nennt man Politiker.

Foldenauer vom Verband der Milchviehhalter – und mit ihm viele andere Landwirte – fordert: "Wir brauchen eine Umkehr in der Agrarpolitik." Sie wollen ein Anti-Dumping-Gesetz, wie zum Beispiel im Einzelhandel. Auch in der Landwirtschaft könnte ein solches Gesetz verhindern, dass im Handel unter den Herstellungskosten eingekauft wird. "Die Politik könnte Mindestpreis-Empfehlungen geben", sagt Foldenauer.

Im Moment liefern Foldenauer und seine Kollegen ihre Milch bei den Molkereibetrieben ab und erfahren erst Mitte des darauffolgenden Monats, wie viel Geld sie dafür bekommen. Die Preise legen die Großen der Branche fest: die milliardenschweren Molkerei- und Schlachtbetriebe und der Einzelhandel, allen voran die Konzerne der Discounter. Supermarktketten sind die größten Akteure der Agro-Industrie.

Aber – und auch das gehört zu den Gesetzen der Agro-Industrie – den Preis können sie nur so weit drücken, weil das Angebot so groß ist. In Deutschland werden beispielsweise jährlich 20 Prozent mehr Schweinefleisch erzeugt, als die Deutschen essen.