Schon jetzt haben sich einige Biobauern und Händler zu einer Initiative zusammengeschlossen. Sie heißt Bruderhahn. Diese Bauern möchten eines der Gesetze der Agro-Industrie aushebeln, sie wollen auch die Brüder der Legehennen aufziehen. Finanziert wird die Aufzucht der Hähne über die Eier ihrer Schwestern, die für den Kunden vier Cent mehr kosten. Viele Zeitungen, auch die ZEIT, haben über die Initiative berichtet, das Fernsehen sendete Bilder. Alles sah danach aus, als sei der Bruderhahn die Lösung.

Aber an einem heißen Augusttag steht Carsten Bauck, 42, auf seinem Demeter-Hof im niedersächsischen Ort Klein Süstedt, dem Zentrum der Initiative, und sagt: "Es ist eigentlich alles totaler Murks, was wir hier machen."

Er führt zu den Bruderhähnen, prächtigen Gockeln mit schwellenden Kämmen und buntem Gefieder, die in mobilen Ställen leben und draußen im Sand scharren. "Die Tiere sind so ineffizient, sie brauchen so viel Futter, dass unser ökologischer Fußabdruck riesig geworden ist", sagt Bauck. Ein Hähnchen wird geschlachtet, wenn es 2,4 Kilo wiegt. Ein Demeter-Masthähnchen vom Bauckhof braucht zehn Wochen, bis es dieses Gewicht erreicht hat. Ein Bruderhahn braucht 22 Wochen. Der Bruderhahn frisst also mehr als doppelt so lange. Für ein Kilo Lebendgewicht frisst ein konventionell gehaltenes Hähnchen 1,7 Kilogramm Futter. Ein Demeter-Hähnchen auf dem Bauckhof braucht schon deutlich mehr: 2,9 Kilogramm. Aber ein Bruderhahn verschlingt pro Kilo Lebendgewicht 5,5 Kilo Futter. Das macht die ganze Öko-Rechnung kaputt.

Warum bleibt Bauck dabei? "Wir müssen den Kunden informieren, dass etwas schiefgelaufen ist", sagt er. Und dann spricht er noch mehr Sätze, mit denen er sich unter Biobauern keine Freunde macht. "In der ökologischen Landwirtschaft ist dasselbe geschehen wie in der konventionellen. Die Betriebe sind ökonomiegetrieben. Es werden Ideale verkauft, die nicht gelebt werden."

Deswegen will Bauck den Bruderhahn eigentlich gar nicht. Er will etwas ganz Neues, das eigentlich etwas ganz Altes ist – ein Huhn, das Eier legt, wenn es weiblich ist, und das gemästet wird, wenn es männlich ist. Die Idee ist so einfach wie radikal, sie will die Zukunft durch die Vergangenheit ersetzen. Jahrzehntelang wurden Hühner in zwei Rassen gezüchtet: Masthähnchen und Legehennen. Dann aber wurden einzelne Eigenschaften der Tiere durch Zucht übermäßig herausgearbeitet, und heraus kamen Hähnchen mit einer riesigen Brust, Hähnchen, die kaum noch laufen können. Und Hennen, die jeden Tag ein Ei legen.

Den Markt dafür haben internationale Zuchtkonzerne unter sich aufgeteilt. Die Ur-Hühner halten sie in streng abgeschirmten Ställen, auch über die Zuchtlinien dringt nichts nach draußen. Die beliebtesten Huhnmodelle heißen Cobb 500 und Ross 308, sie werden mit einer Bedienungsanleitung geliefert.

Die Landwirte – auch Biobauern – kaufen die Küken von den Konzernen, weil es auf dem Markt keine anderen gibt. Die Bauern können die Tiere nicht selbst züchten, denn sonst gingen die Merkmale sofort verloren, die das Hochleistungshuhn auszeichnen.

Deswegen hat die Landwirtin Christine Bremer für den Bauckhof eine gemeinnützige Gesellschaft namens Ökologische Tierzucht mit aufgebaut. Sie sucht auf Hinterhöfen und unter Hobbyhaltern nach übrig gebliebenen Hühnern alter Rassen. Sie heißen Bresse, White Rock oder New Hampshire. Gerade hält Christine Bremer in einem Stall eine alte italienische Rasse. Die kleinen braunen Küken sind anspruchsvoll und sehr hübsch. Bremer kreuzt die verschiedenen Rassen und beobachtet, wie viele Eier die Hennen im Jahr legen und wie stark die Hähne zunehmen.

Hühner, die Eier legen und die man mästen kann, wären nicht so effizient wie die Modelle der Agro-Industrie. Eier und Hähnchenfleisch wären nicht jederzeit in rauen Mengen zu haben. Kehrte man zu Kuhrassen zurück, die Milch geben und Fleisch ansetzen, gäbe es auch weniger Milch und weniger Fleisch. Es wäre ein Rückschritt, sofern man Tiere, die auf einem Bauernhof leben, an Gesetzen der Effizienz misst. Aber es wäre ein Fortschritt, sofern man diese Tiere an den Gesetzen der Zivilisation misst und in ihnen lebende Wesen erkennt.

Dann nämlich würde man sich vielleicht daran erinnern, warum der Osterhase zur Freude von Kindern bunte Eier bringt: weil es in den kalten Monaten zuvor keine Eier gab. Hühner brüten nämlich nur, wenn es warm wird. Käme das Huhn zurück, das es früher einmal gab, würde den Menschen klar, warum in den alten Rezepten für Weihnachtsplätzchen zwar Mehl, Zucker und Butter vorkamen – aber keine Eier.