Szene aus Moritz Eggerts Oper "Freax", die 2017 in Regensburg uraufgeführt wurde. © Jochen Quast

Ich möchte über eine Kunstform sprechen, die völlig anders ist als alle anderen. Es ist die mit Abstand altmodischste, reaktionärste und hinter ihrer Zeit zurückgebliebenste Kunstform, die derzeit existiert. Dennoch wird sie hoch subventioniert, und alle Städte errichten ihr prächtige Tempel mit Hunderten von Mitarbeitern, viele davon verbeamtet.

Diese Kunstform wird von einer Ästhetik und Philosophie dominiert, die größtenteils aus dem 19. Jahrhundert (oder davor) stammt. Außerdem ist sie durch und durch patriarchalisch: Die Geschichten, die sie erzählt, stammen ausschließlich von Männern. Die Rollenbilder darin sind überkommen – Frauen treten entweder als Femmes fatales in Erscheinung oder als unschuldige Jungfrauen. Die Männer hingegen sind in den Geschichten Könige, Prinzen, feurige Liebhaber oder schwertschwingende Helden aus der Mythologie, die gegen Drachen und Zwerge kämpfen, Abend für Abend, vor einem reichen und eher betagten Publikum, das sich für die Pause gern den Champagner kalt stellen lässt.

Ich spreche von der Oper im 21. Jahrhundert. Und wenn sich nichts ändert, wird dies auch die Oper des 22., 23. und 24. Jahrhunderts sein. Oder das ganze museale System bricht zusammen, erstickt an seinen eigenen Spinnweben.

Frauen, wie gesagt, kommen darin als kreative Künstlerinnen nicht vor – es sei denn, neuere, neueste Werke würden berücksichtigt, dann hätten sie eine kleine Chance. Aber da man sich vorwiegend mit dem alten Repertoire beschäftigt, bleiben Frauen vorwiegend Statistinnen. Dafür dürfen sie sich hübsche Kleider anziehen, auf den Podien oder in den Orchestergräben mitwirken und die Kunstform repräsentieren. Angeleitet werden sie dabei – von Männern. Denn in der Regel sind alle leitenden Positionen in den besagten Tempeln männlich besetzt. Bis heute.

Auch wenn man diese Tempel betritt, erblickt man Männer: Steinerne Büsten starren auf die ehrfürchtigen Besucher herab, darunter die Namen der großen Alten, die darüber wachen, dass niemand Neues neben ihnen Platz findet, vor allem keine Frau. "WAGNER", "VERDI", "MOZART" steht da in Stein gemeißelt, und selbst ernannte Sittenwächter achten darauf, dass man sich neben ihnen wie ein unwürdiger Wurm vorkommt, was diese Künstler selbst wahrscheinlich am allerwenigsten gewollt hätten.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich regelmäßig umfassende Statistiken der Opernspielpläne erstellt, anhand der aktuellen Spielzeitübersichten. Die Ergebnisse waren erschütternd.

In der Spielzeit 2017/2018 gab es 444 Premieren. 38 davon waren Aufführungen von Opern, die nicht älter sind als 50 Jahre. Das entspricht 8,5 Prozent aller Premieren. Unter diesen 444 Opernpremieren befanden sich 33 Uraufführungen (= 7 Prozent). Nimmt man alles zusammen, kommt man auf einen Anteil von 16 Prozent bei Stücken im Alter von null bis 50 Jahren. Man stelle sich ein Kino vor, das zu 84 Prozent Filme aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren oder früher zeigte!

84 Prozent der Stücke, die in deutschsprachigen Opernhäusern neu inszeniert werden, sind also älter als ein halbes Jahrhundert. Das Durchschnittsalter der 38 wiederaufgeführten Opern beträgt 19,4 Jahre (Median 18 Jahre). Einige dieser "Wiederaufführungen" sind freilich nichts anderes als Wiederaufnahmen von Uraufführungen im Rahmen einer Koproduktion.