Aufrecht geht hier keiner. Die meisten starren gekrümmt und ungeduldig auf den Fußboden, sie sind nur kurz hier und suchen nach geheimnisvollen Zeichen, nach Spuren aus dem Film The Da Vinci Code – Sakrileg, der hier gedreht wurde. Die anderen fallen ins Hohlkreuz oder bekommen Nackenstarre vom Blick in die Höhe. Hier nämlich, in der Pariser Kirche Saint-Sulpice, können sie einen Hochaltar der Kirchenmusik bestaunen: die 1862 von Aristide Cavaillé-Coll vollendete Orgel. Derzeit birgt sie 102 Register auf fünf Manualen. Wie sie da, eine Königin in vollem Ornat, über der Emporenbrüstung thront, sieht sie nicht nur grandios aus. Sie klingt auch so, wenn ein Meister sie spielt.

Wer diese Orgel und andere aus Cavaillé-Colls Werkstatt kennt, durfte enttäuscht sein, als die Unesco zuletzt nicht Frankreich, sondern Deutschland für seine Orgeltradition ins Weltkulturerbe aufnahm. Dabei können die Franzosen mindestens so viele geniale Komponisten vorweisen – da erstreckt sich eine wunderbare Riege von Grigny über die Couperins, Dandrieu, Marchand und Boëly bis zu Franck (der eigentlich Belgier war), setzt sich fort mit Saint-Saëns, Widor und Guilmant und endet längst nicht mit Lefébure-Wely, Dupré, Vierne, Tournemire, Duruflé, Messiaen, Langlais, Escaich, Guillou oder Hakim. Vor allem aber haben die Franzosen Paris, die Stadt der Orgeln schlechthin.

Wie um persönliche Wiedergutmachung zu betreiben für die Bevorzugung Deutschlands, ist der Autor dieser Zeilen, Journalist und Kirchenmusiker, nach Paris gepilgert, wo einige der schönsten Instrumente der Welt stehen, lauter Magnete für Connaisseure und Anbetungswillige. Mit dem Namen von Aristide Cavaillé-Coll (1811–1899) sind etliche Pariser Orgeln verbunden. Er war der Übervater des französisch-romantischen Orgelbaus, ein einzigartiger Farbentüftler und strenger Parfumeur. Er liebte samtige, voluminöse, flüsternde, libidinöse Töne, er verschaffte den Zungenregistern – Trompeten, Fagotten, Bombarden, Oboen, Krummhörnern oder Klarinetten – famoses Eigenleben. Er liebte die Wucht des unmerklichen, aber dynamischen Crescendos, denn seine Mixturen, die ganz kleinen Pfeifen für den Glitzerklang, sind keine Schreihälse. Seine Orgeln imponieren als perfekt abgemischte Orchester.

Die erste Station meiner Wallfahrt nach Paris ist Saint-Sulpice. Die Kirche im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés ist nicht nur eine der ruhmreichen Kirchen der französischen Geistesgeschichte (Heine heiratete hier, der Marquis de Sade und Baudelaire wurden hier getauft). Sie beherbergt auch jenes herrliche Instrument, an welchem der legendäre Komponist Marcel Dupré von 1934 bis zu seinem Tod im Jahr 1971 wirkte. Sein Vorgänger war Charles-Marie Widor gewesen, der sagenhafte 63 Jahre blieb. Seit 1985 ist Daniel Roth im Amt. Die Orgel besitzt offenbar die Kraft guten Klebstoffs. An Roth muss man sich halten, wenn man die Orgel hautnah erleben will: am Spieltisch, der einschüchternden Kommandobrücke mit zahllosen Knöpfen, Tasten, Pedalen, Hilfstritten. Dort sitzen zu dürfen – das ähnelt der Einladung eines Piloten, das Cockpit eines Passagierflugzeugs zu besichtigen.

Roth, mit dem ich verabredet bin, gilt in der Branche als der kollegialste Mensch der Welt. Der gebürtige Elsässer war mal Orgelprofessor in Frankfurt, sein Sohn François-Xavier ist derzeit Generalmusikdirektor in Köln. Pünktlich um 13 Uhr betritt er die Kirche und zückt einen riesigen Schlüsselbund; die Orgel ist besser gesichert als Fort Knox. Roth führt mich in einen kleinen Salon, in dem Gemälde und Fotografien an erhebende musikalische Momente in Saint-Sulpice erinnern, etwa an die Begegnung Marcel Duprés mit dem Bach-Exegeten Albert Schweitzer.

Eine weitere dicke Tür muss aufgesperrt werden, bevor wir in einem Räumchen zwischen Rückpositiv und Hauptwerk stehen, vor uns der massive Spieltisch, der von einer weinroten Samtdecke verhüllt ist. Mit größter Langsamkeit zieht Roth sie beiseite, wie ein Zauberkünstler, der die Zeit bis zur Enthüllung eines Geniestreichs ausreizt. Dann zeigt das Cockpit sein Gesicht.

Und man sieht alles: je ein Manual für das vorwitzig auf der Brüstung hockende Rückpositiv, das majestätische Hauptwerk, das farbüppige, einer Staffelei gleichende Récit (Schwellwerk), das von Zungenstimmen gesättigte Grand Choeur, das aparte Solowerk. Zu Füßen des Organisten liegt das imperiale Pedalwerk. Tief im Innern der Orgel ist das Schwellwerk eingebaut, die Krypta des Klangs: Es lässt die Dynamik gleichsam mit dem Gaspedal stufenlos anschwellen und verschwenderisch aufblühen. Jedes Register, also die komplette Pfeifenreihe einer Klangtönung, hat seine unverwechselbare Eigenart. Das Pedal mit den langen, ultratiefen Pfeifen brummt zum Steinerweichen. Wenn die 32-Fuß-Zungen loslegen, bekommen die Posaunen von Jericho Konkurrenz.

Es ist jetzt hier oben ein bisschen wie Probefahrt und Leistungsschau, die ersten Kilometer absolviert Roth natürlich selbst. Zunächst improvisiert er auf altfranzösische Weise, köstliche Zungenstimmen duellieren sich in neckischem Wechselspiel. Das erinnert daran, dass die Orgel in Saint-Sulpice klassizistische Wurzeln besitzt: François-Henri Clicquot (1732–1790) hatte hier ein Vorgängerinstrument gebaut, das Cavaillé-Coll großzügig erweiterte und neu definierte. Wie um jene Wurzeln offenzulegen, lässt Roth Bachs prächtige g-Moll-Fuge BWV 542 ertönen. Und tatsächlich: frappierende Transparenz aller Stimmen. Cavaillé-Coll hatte Wert darauf gelegt, dass trotz seiner romantischen Optimierung das Klangideal Clicquots nicht zuwucherte.

Roth spielt das Werk mit einer dramatischen Dringlichkeit, die den Besucher neben ihm, der das Stück selbst schon gespielt hat, ganz klein werden lässt. Und als ich zu Boden schaue, fällt mir zudem die Kinnlade herunter, weil Roth keine Designer-Schühchen trägt (wie viele Organisten), sondern abgelatschte Treter mit Kreppsohle. Und die Fuge trotzdem makellos spielt.