Papst Franziskus sagte vergangene Woche einen bemerkenswerten Satz. Tausende Gläubige standen während der Generalaudienz auf dem Petersplatz. Inmitten der regelmäßigen Schreckensmeldungen über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche hatte die Mittwochs-Katechese beinahe einen meditativen Charakter. Der Papst konnte ein paar Stunden durchatmen im Fegefeuer der Skandale und sinnierte über das fünfte Buch Mose und verschiedene Formen der Gefangenschaft. Äußere, innere, psychologische und charakterliche. Besondere Aufmerksamkeit widmete der Papst einer Form der Gefangenschaft, die schlimmer sei als ein Gefängnis oder eine Panikattacke: "Es ist die Gefangenschaft im eigenen Ego."

Der Satz war deshalb bemerkenswert, weil er vermeintlich gar nichts mit der existenziellen Krise zu tun hatte, in der sich die katholische Kirche und ihr Oberhaupt befinden. Doch er traf den Kern des Problems. Kirche und Papst sind in der Missbrauchsproblematik in ihrem eigenen Ego gefangen. Für die Institution gilt das, weil sie sich inzwischen schon seit mehr als einem Jahrzehnt darum müht, ihren eigenen Schatten abzustreifen, der sich ihrer in regelmäßigen Abständen aber immer wieder bemächtigt. Franziskus selbst ist ein noch komplexerer Fall: Er reformiert, bricht Strukturen auf, zeigt auch in Sachen Missbrauchsbekämpfung einen bemerkenswerten Aktivismus. Aber die Vergangenheit des Papstes wirft Fragen auf. Und solange sich der Chef einer Institution echter, persönlicher Aufklärung entzieht, bleibt der Effekt seines Handelns Makulatur.

Auf Vergehen jüngeren Datums hat der renitente und auch etwas dubiose Ex-Nuntius Carlo Maria Viganò hingewiesen. Franziskus sei bereits im Jahr seines Amtsantritts von den Missbrauchstaten des ehemaligen Washingtoner Erzbischofs Theodore McCarrick von ihm persönlich informiert worden, behauptet Viganò. Undenkbar ist das keineswegs, bewiesen aber auch nicht.

McCarrick soll einer derjenigen einflussreichen Prälaten gewesen sein, die, ohne am Konklave 2013 teilzunehmen, unter den US-Kardinälen für Bergoglio geworben hatten. Viganòs Vorwürfe, die sich gegen die gesamte aktuelle und gewesene Führungsriege des Vatikans richten, büßen dadurch an Kraft ein, dass der Erzbischof dem erzkonservativen Lager zugerechnet wird. Den politischen Impetus seiner Anklage, deren Ziel die Vernichtung der als liberal wahrgenommenen Nomenklatur um Franziskus ist, kann man kaum übersehen. Franziskus schweigt, das Dokument spreche für sich, behauptete er vor ein paar Wochen. Nun bereiten seine Mitarbeiter ein Entlastungsdossier vor, das befreiende Wirkung haben soll.

Doch der Papst, der das kirchliche Ego schon seit Amtsbeginn im Visier hat, ist selbst geschwächt. In seiner berühmten Gardinenpredigt vor der Kurie an Weihnachten 2014 warf Franziskus mit brutalen, aber treffenden Aphorismen nur so um sich. Er diagnostizierte unter anderem "Machtstreben", "die Krankheit der in sich abgeschlossenen Kreise" oder "existenzielle Schizophrenie". Diese Leiden, die ein Außenseiter damals der Kurie attestierte, sind heute wieder von besonderer Aktualität. Mit einem Unterschied: Der Arzt scheint sich mittlerweile selbst angesteckt zu haben. Kann Franziskus mit seiner Vergangenheit, zu der er eisern schweigt, die Kirche aus ihrer größten Krise führen?

Vergangene Woche kündigte der Papst einen Krisengipfel im Februar an. Sämtliche Chefs der weltweit über 100 Bischofskonferenzen sollen drei Tage lang im Vatikan zusammenkommen, um über Missbrauch und Prävention zu debattieren. Als "Mini-Synode" und "Brainstorming" etikettierten italienische Zeitungen die Versammlung. Beides trifft es wohl ganz gut. Doch berät die Kirche nicht schon seit 15 Jahren über Missbrauch und seine Prävention? Was hat sich grundlegend verändert seit dem Jahr 2002, als in den USA erstmals über Hunderte Fälle sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Priester und deren Vertuschung berichtet wurde?

Die Strafen und Gesetze wurden verschärft, Präventionsmaßnahmen ergriffen, Franziskus setzte 2014 eine päpstliche Kommission zum Kinderschutz ein, die Leitlinien erarbeitet und Bischofskonferenzen berät, aber oft nicht erhört wird. Der Blick in die Zukunft ist das eine. Doch die Wahrheit über die Vergangenheit kommt weiterhin nur häppchenweise ans Licht und nimmt den Verbesserungsversuchen ihre Schlagkraft.

Auch der Krisengipfel im Februar droht kein Durchbruch zu werden, sondern nur eine von vielen Stationen auf dem Kreuzweg der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Durchbruch, das wäre die Befreiung vom Ego, um mit Franziskus zu sprechen. Anders formuliert es der Jesuitenpater Klaus Mertes, der im Jahr 2010 maßgeblich zur Aufdeckung von Missbrauchsfällen im Berliner Canisius-Kolleg und anderen Bildungseinrichtungen in Deutschland beigetragen hat: "Kontrollverlust zulassen: Ich vermute, dass es genau dies ist, worum es jetzt geht." Kontrollerhalt sei einer der entscheidenden Gründe für Vertuschung von Missbrauch, sagt Mertes. "Kontrollverlust ist Machtverlust. Und da sind wir beim entscheidenden Thema des Missbrauchs: Macht. Man war nicht bereit, Macht loszulassen oder das Ansehen von Machtpositionen zu gefährden – und hat deswegen vertuscht." Macht loslassen. Ist das für eine Institution, die vom Seelenheil spricht, aber ihre Energie seit Jahrhunderten auf Einfluss und dessen Festigung verwendet, überhaupt denkbar? Die Festsetzung des Krisengipfels im Februar deutet darauf hin, dass weiterhin andere Überlegungen im Vordergrund stehen.

Bis Februar ist es noch fast ein halbes Jahr hin, im Oktober ist seit Langem eine ordentliche Synode zum Thema "Jugend, Glaube und Berufung" angesetzt. Es ist unter diesen Umständen grotesk, dass der Papst darauf beharrt, sich der Zukunft der Kirche zuzuwenden, wo sie doch gerade tsunamiartig von ihrer Vergangenheit überrollt wird. Warum die Kirche ein Nachwuchsproblem hat, wird selten so klar wie dieser Tage. Die eigentliche Agenda steht seit Langem fest und lautet: "Arbeitet eure Vergangenheit auf, auch eure persönliche!" Franziskus wehrt sich dagegen, diesen Ruf zu hören.