Die berühmteste Spiegelszene des Kinos stammt aus dem Film Duck Soup der Marx Brothers. Der Präsident des Staates Freedonia (Groucho Marx) entdeckt einen Spion des feindlichen Nachbarlandes Sylvania (Harpo Marx) in seinem Palast und verfolgt ihn durch seine Gemächer. Auf der Flucht zertrümmert Harpo im hintersten Zimmer einen Spiegel. Weglaufen kann er nicht mehr, ihm bleibt nur eine Rettung: Er gibt sich als das Spiegelbild des Präsidenten aus. Der Präsident, im Ungewissen, ob er sein eigenes Bild oder einen Feind vor sich hat, beginnt zu hüpfen, und der Spion ahmt die Sprünge nach. Immer wilder tanzt Groucho, immer souveräner reagiert Harpo. Je flinker dem Spion die Imitation des Präsidenten gelingt, desto mehr zweifelt dieser an seinem Verstand, ja an seiner Identität. Vielleicht ist ja der Spion der echte (oder der bessere) Präsident?

Die Parallelwelt, ein Kooperationsprojekt des Dortmunder Theaters und des Berliner Ensembles, wirkt in seinen zähen Momenten, als sei es aus diesem Spiegeltanz hervorgegangen. Seine längste Szene ahmt ausführlich nach, wofür die Marx Brothers nur drei Minuten brauchen: Zwei Hochzeitsgesellschaften, eine in Dortmund, eine in Berlin, begreifen, dass sie dieselbe Hochzeit feiern. Die Teilnehmer beider Feste tragen die gleiche Kleidung, die Brautpaare ähneln einander bis auf die Namen, und es beginnt ein Spiegeltanz beider Gruppen um die Frage, welche das Original und welche die Fälschung, wer Präsident von Freedonia und wer Spion aus Sylvania sei. Tatsächlich sind beide "echt".

Leider hat diese Szene, die sich ins Grauenhafte oder Groteske weiten müsste, einen eher plumpen Reiz: Proletenstämme im Wettstreit. Der Regisseur Kay Voges behängt Groucho und Harpo Marx gleichsam mit den Kostümen einer Boulevardkomödie, und er lässt sie banalen Quatsch sprechen. Daran krankt dieser Abend: Plan und Technik sind spektakulär, aber unter der Wucht der Ausführung erstickt der Geist.

Auf zwei Bühnen, die 420 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt sind, ereignen sich Szenen eines Spiels. Was auf der einen Bühne gespielt wird, ist auf der anderen als Filmübertragung zu sehen. In Dortmund sehen wir zu Beginn, wie ein Mann namens Fred stirbt; in Berlin wird gleichzeitig ein Kind namens Fred geboren. Am Ende wird Fred in Dortmund geboren, während er in Berlin stirbt. Was zauberhaft klingt, als bitte Voges die Zeit selbst zum Tanz, das bleibt auf der Bühne leider oft reine Behauptung.

Samiel, der hübsche, gnomartige, riesenohrige Joker der Aufführung, der Spuren legend und verwischend vor uns her durch Zeit und Raum huscht, sagt an einer Stelle: "Wo keine Zukunft ist, da ist Ewigkeit. Wenn ich das von außen betrachte, findet jede Vergangenheit mit jeder Zukunft gleichzeitig statt. Das heißt dann, dass alles, was ich jemals getan habe, und alles, was ich jemals tun werde, und alle anderen auch, immerzu gleichzeitig stattfindet. Dann bilden alle Vergangenheiten und alle Zukünfte dieses Kleid der Wirklichkeit."

Das vielgestaltige Kleid der Wirklichkeit, von dem Samiel spricht, wird huldvoll über Dortmund und Berlin gestreift. Es gibt unter dieser alles verbindenden Haube einige ergreifende Momente, etwa jene, in denen Geburt und Tod sich überlappen. Aber man hat das Gefühl, die besten Garne, die da versponnen wurden, schon anderswo gesehen zu haben: bei David Lynch, Terrence Malick, Stanley Kubrick, Wes Anderson. "Gleichzeitig da" sind an diesem Abend vor allem die Meister, von denen Kay Voges geprägt wurde.

Es wimmelt in der Populärkultur ja von Spiegelwelten und Paralleluniversen. Die Idee, dass es "uns" zweimal gibt, stiftet zwar Trost (endlich sind wir nicht mehr allein), vor allem aber Gewalt (endlich haben wir einen ebenbürtigen Feind). In aller Regel führen diese Parallelkonstellationen also ins Grauen – zu dem Moment, da beide Welten einander auszulöschen versuchen. Hingegen verstanden das Berliner und das Dortmunder Publikum sich prächtig – man sah die anderen auf Leinwänden und applaudierte einander. Die Stadt, die in der Mitte zwischen Dortmund und Berlin liegt, ist Salzgitter. Vielleicht sollte man dort eine Fortsetzung der Parallelwelt aufführen.

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