Am großartigsten und lässigsten in der lässigen "Paul McCartney stürmt mit seinem 17. Soloalbum die Charts"-Kampagne ist natürlich der Moment, in dem der 76-Jährige Ende Juli noch einmal über den Abbey-Road-Zebrastreifen in London läuft. Wobei er da nicht nur nicht wissen konnte, dass er mit Egypt Station, so der Titel des neuen Albums, Mitte September sowohl in den USA als auch in Deutschland auf Platz eins landen würde, sondern es vielleicht auch gar nicht ernsthaft vorhatte. Sir Paul flaniert durchs Leben und durch die Musik, er liefert sich keine Wettrennen (mehr), mit niemandem, und wenn er malt, dann sind das eher Collagen, oder er malt naiv, Wüste, Sonne, Palmen, Pyramiden inklusive – ohne dass dieses Ägypten irgendwie real wäre. Politisch war "Macca" noch nie.

Wobei: Ein kleiner Schönheitsfehler ist es schon, dass den Rekord – wie viele Jahrzehnte kann man maximal verstreichen lassen, bevor es einem gelingt, den Thron der Hitlisten ein zweites Mal zu besteigen? – nach wie vor ein anderer hält: der Country-Haudegen Johnny Cash. McCartney brauchte dafür 36 Jahre, drei Monate und zehn Tage (nach seinem 1982er-Erfolg mit Tug of War) – Cash 36 Jahre, zehn Monate und neun Tage. Allerdings war er beim zweiten Mal, 2006, bereits tot, American V: A Hundred Highways erschien posthum. Streng genommen gilt das also nicht. Die Fanherzen lassen solche Statistiken trotzdem weltweit höherschlagen.

Paul McCartney jedenfalls lebt. Die Nase mag spitzer geworden sein, der Mund schmaler, die Augenbrauen werden gepflegt nachgezogen, und das Haar bekommt für wichtige Auftritte neuerdings eine kamelartige Farbe verpasst, als hielte das Bedeckte, Unentschiedene die größte Harmonie bereit. Auf Instagram lässt sich besichtigen, wie er also noch einmal über den berühmtesten Zebrastreifen der Pop-Geschichte tänzelt, als Zitat, als Wiedergänger seiner selbst und immer im Dienst: Eine, psst, Überraschungsperformance zu Egypt Station sollte es in den Abbey-Road-Studios geben, und wie das mit PR-Aktionen so ist, war’s am Ende weder überraschend noch eine veritable Performance. Die Ikonografie aber stimmte.

Über 2.700.000 Mal wurde das Zebrastreifen-Video inzwischen geklickt, McCartneys Tochter Mary hatte die Szene "zufällig" gefilmt. Das Cover des legendären Abbey Road-Albums der Beatles, wir erinnern uns, zeigte die Fab Four 1969 im Gänsemarsch von links nach rechts auf besagtem Fußgängerüberweg – und McCartney barfuß, mit Zigarette in der Hand. 2018 nimmt er die Sache von rechts nach links in Angriff (wobei man da in England leicht durcheinanderkommen kann), und seine Füße zieren ein Paar ausgelatschte braune Birkenstocksandalen. Mit beigen Socken.

Das sagt manches über Sir Paul, den Großen, und vieles über die Gegenwart. Älter ist sie, sind wir alle geworden, man achtet mehr auf die Gesundheit, schert sich weniger um Äußerlichkeiten und zehrt, wenn es gut geht, von den Welterstürmungsgesten der Jugend, ohne übermäßig peinlich zu sein. Bei McCartney geht das schon lange gut, mindestens seit 1970, als sich die Beatles trennten. Voraussetzung für all das ist offenbar eine gewisse Grundversöhnlichkeit dem Dasein gegenüber. Die Beatles waren nie brachial, weder ästhetisch noch in ihrem Lebensstil, und man kann nicht, wie Macca, 2018 mit dem britischen Comedian James Corden einen auf "Carpool Karaoke" durch Liverpool machen, angeschnallt in einer Luxuslimousine britischer Bauart sitzend Penny Lane grölen oder Let It Be und Schoten aus dem Leben eines in den Vierziger- und Fünfzigerjahren aufwachsenden Liverpudlians zum Besten geben, wenn insgeheim der Hass einen treibt, Wut, Verzweiflung, Verachtung für die Welt, wie sie ist.

Das bedeutet nicht, dass Paul McCartney der Allumarmer und riesenhaft Liebende wäre, aber so etwas wie Gelassenheit, Melancholie, ein Understatement vor sich selbst ist schon mit im Spiel. Die Beatles haben ihre Zeit erkannt. Warum sollte es McCartney nicht weiter gelingen, auf eine intuitiv kluge, hartnäckig leise Weise den bedrohlichen Hitzewallungen der Gegenwart etwas entgegenzusetzen?

McCartney, heißt es, sei die perfekte Erlöserfigur für Nostalgiker und Anachronisten, hinter seiner Selbstvermarktungsvirtuosität stecke nichts anderes als ein abgezockter Multimillionär. Ganz falsch ist sicher beides nicht. Egypt Station folgt der treuherzigen Idee einer Bus- oder Zugreise, nun ja, die einzelnen Songs sind die Stationen, McCartney ist der Fahrer, und manche Titel und Texte erwecken in der Tat den Eindruck, das Ganze bewege sich mehr rückwärts als vorwärts: Happy With You, People Want Peace ("People want peace / People want peace / A simple release from their suffering"), Hand In Hand. Musikalisch präsentiert sich das Album mal rockig, mal balladenhaft, sogar Rappiges findet sich in homöopathischen Dosen, und diese Vielfalt macht, dass man gerne zuhört. Als säße man tatsächlich in einem Bus oder in der U-Bahn, beobachtete Leute oder sinnierte vor sich hin und hätte für die Dauer der Fahrt keine weiteren Ambitionen.

Je länger man McCartney folgt, desto besser begreift man, dass die Nabelschnur, die ihn mit der Vergangenheit verbindet, nichts Larmoyantes hat, sondern ihn unvermindert nährt. Jedes Heute ist nur dann im Recht, wenn es aus dem Gestern schöpft. Paul McCartney singt das auf denkbar unangestrengte, unzynische Weise vor, und die Binse verzeiht man ihm gern. In den irischen und den schottischen Charts übrigens steht Egypt Station ebenfalls auf Platz eins. Nur die Finnen (Platz 45) waren immer schon etwas gemächlicher.