Keine Post sei gute Post, sagt man, aber eigentlich stimmt das für mich nicht. Liebenswürdige Leserbriefe zum Beispiel, so richtig handgeschriebene, die mich dann für den Rest des Tages mit einem federnden Gang versehen, sind wahrlich bessere Post als keine. Manchmal wird auch eine kritische Frage gestellt. "Wo bleibt eigentlich das Negative, Frau Gastmann?", wollte kürzlich einer wissen. Die Frage finde ich gut, denn bekanntlich hat das Leben hier im Osten nicht nur Geschenke in Seidenpapier für einen parat. Schon gar nicht der Alltag. Tatsächlich aber muss ich in meiner Erinnerung bis zum vergangenen Winter zurückscrollen, um mir ein Ärgernis zu vergegenwärtigen, das mich wirklich wütend zurückließ:

Ein Sonntagabend in der Adventszeit, an einer Haltstelle in der überfüllten Leipziger Innenstadt. Es war empfindlich kalt. Eine Straßenbahnlinie der Linie 12 rollte heran, öffnete aber für die Fahrgäste die Türen nicht. Die Leute rannten nach vorne zum Fahrer, der bei geöffneter Tür unwirsch entgegnete, es gebe hier "keine Haltestelle mehr".

Daraufhin antwortete er auf sowohl empörte als auch in ruhigem Ton vorgebrachte Fragen zunächst gar nicht, dann mit einem gereizten: "Macht doch, was ihr wollt!". Auf meine Bitte hin, wenigstens einen älteren Herrn – einen 1,50 Meter großen Mann mit Morbus Bechterew – mitfahren zu lassen, schloss der Fahrer wortlos die Tür und fuhr ohne ihn los.

Ich zog den alten aufgebrachten Mann, der dem davonfahrenden Fahrer mit slawischem Akzent noch ein "Verfluchtes Schwein!" hinterherschickte, vorsichtshalber vom Gleisbett auf den Wartesteig, wo sich mein Kind bereits interessiert in seinem Kopf die Formulierung "verfluchtes Schwein" notierte.

Wäre es nur um uns gegangen – ich hätte mich kurz geärgert, und alles wäre vergessen gewesen. Das Verhalten des Fahrers aber hatte etwas ungut Symbolisches: Türen zuknallen vor Leuten, die um etwas bitten. Hilfe verwehren, wo man sie hätte leisten können, ohne Not. Alles wirkte wie die vorweggenommene Weihnachtsgeschichte.

Selbstverständlich könnte man aufgrund solcher Erlebnisse auch fatalistisch werden. Den Untergang der Werte, der Höflichkeit, die abnehmende Hilfsbereitschaft der Menschen beklagen, die vor allem im atheistischen Osten kaum mehr einen biblischen Bilderschatz für sich als regulierendes Verhaltenstableau nutzen können. Aber ist das denn tatsächlich so? Und sind Menschen, die überall Gefahren, Niedergang und Boshaftigkeit sehen, wirklich einfach nur Realisten? Ich glaube, nicht.

Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass wir in einer Welt leben, die uns Unwägbarkeiten im Alltag zunehmend mit großer Überraschung erleben lässt. Die Technik wird immer besser. Dass etwas funktioniert, halten wir für den Normalfall. Wir haben kaum mehr ein Gespür dafür, es wertzuschätzen, wenn etwas gelingt. In der Vergangenheit war man froh, bei einer Reise halbwegs wohlbehalten am Zielort anzukommen. Heute sind wir aufgebracht, wenn die Bahn uns mal wieder zwei Stunden Wartezeit abverlangt. Situationen, die misslingen, scheinen sich mittlerweile viel stärker in unserer Wahrnehmung zu verankern als all die vielen alltäglichen Begebenheiten, die reibungslos ablaufen. Wenn sich diese Perfektionierungserwartung allerdings auf den Menschen und sein Verhalten bezieht, wird es dunkel. Weil jede Erwartung irgendwann durch unsere menschliche Fehlbarkeit zutiefst enttäuscht werden muss.