Es regnet, und Julika kommt gut verpackt auf dem Fahrrad an. Sie trägt Regenjacke und Regenhose, beides aus Plastik, für 13 Euro bei Amazon gekauft. Amazon ist für einige Millennials, die ein besonders gutes Leben führen wollen, das, was Atomkraft für die Aktivisten der 70er-Jahre war, ein Inbegriff des Bösen. Aber Julika ist keine Aktivistin, und eine Fahrradhose ist praktisch, Amazon auch, und wenn es regnet, braucht sie so was halt, fertig.

Das Erste, was man merkt: Für Dogmatismus hat sie nicht viel übrig.

Es regnet jetzt noch heftiger, in Strömen, sie grinst breit und sagt: Zumindest ist es nicht kalt!

Das Zweite, was man merkt: Fatalismus ist hier fehl am Platz, ein Hang zu Optimismus kann nicht schaden, wenn man mit Julika eine Einkaufstour macht. Es muss doch das richtige Leben im falschen geben. Was machen wir sonst noch hier?

Also los, erster Laden in Eimsbüttel, Bio.lose an der Osterstraße. Julika kauft Gummibären, Schokolade, die in großen Stücken in Gläsern liegt. Sie packt die Süßigkeiten in alte Brottüten, die sie mitgenommen hat. Sie sucht Deo, ohne Aluminium und im Glastiegelchen, findet es aber nicht, weil die lokalen Hersteller gerade in Urlaub sind und deshalb die Läden nicht beliefern. Sie hat ihr leeres Gläschen mitgebracht und gibt es der Verkäuferin, die es ins Lager bringt, wo es ausgespült und für den nächsten Kunden bereitgestellt wird. Obst und Gemüse kauft Julika hier nicht, "viel zu teuer". Eine Gurke kostet 2,39 Euro. "Es ist ja ein Fass ohne Boden, wenn man Gutes tun will, das Obst kaufe ich beim Türken um die Ecke", sagt sie. Was es im Laden sonst noch so gibt: Toilettenpapier in einzelnen Rollen, das ihre Mitbewohnerin aber nicht so mag, weil es dünn ist und an Tankstellenpapier erinnert. Beutel in der Größe eines Müllsacks, gefüllt mit Sojageschnetzeltem, von denen zwei Frauen mit geblümten Strumpfhosen jeweils einen über der Schulter tragen. Spülmittel und Waschmittel und Allzweckreiniger in großen Plastikkanistern zum Abfüllen. Julika braucht das gerade alles nicht. Sie braucht Brot. Das bestellt sie vor und kann es dann abholen. Es ist allerdings das Einzige, was sie mit Plastikverpackung kauft. Das Brot ist glutenfrei. Wobei Julika gleich betont, dass sie "wirklich" eine Glutenunverträglichkeit habe. Sie ist den "Eppendorfer Muttis" dankbar, dass die das aus irgendwelchen Trendgründen machten, weil es dadurch mehr Nachfrage und daher Angebote gebe. Um garantieren zu können, dass es tatsächlich keine Spuren von Gluten abbekommt, muss es sicher verpackt sein.

Das Dritte, was man merkt: Wenn man als Individuum den Kampf gegen das System antritt, müssen Kompromisse in Ordnung sein, sonst reibt man sich auf.

Auf den ersten Blick ist die Wohnung von Julika und Andrea nicht besonders. In Eimsbüttel gelegen, zwei Zimmer, ein Wohnzimmer, Badezimmer und eine kleine Küche. Die beiden sind 26 und kennen sich seit dem ersten Semester im Medizinstudium. Julika hat gerade angefangen zu arbeiten und verdient zwar endlich Geld, hat aber so gut wie keine Zeit mehr. Andrea sucht noch einen Job, hat mehr Zeit, dafür aber kein Geld.

Erst wenn man genauer hinsieht, merkt man, dass etwas anders ist. Das Papier der Küchenrolle fühlt sich fester an – es ist wiederverwendbar, man wäscht es in der Waschmaschine. Müsli, Mehl und Nudeln stehen in Gläsern auf der Ablage, an der Türklinke hängen mehrere Beutel und Netze. Der Müllsack ist mit Zeitungspapier ausgelegt. Wenn der Sack voll ist, tragen sie ihn runter, leeren ihn samt Papier aus und nehmen den Beutel wieder mit hoch.