In der Frage nach dem Glück bin ich ein Anhänger der Fortuna. Gottlos gesagt, interessiert mich das vorbereitete Glück, das Glück, auf das man hinarbeitet, das andauernde Glück (genannt "Zufriedenheit") überhaupt nicht.

Die Zufriedenheit ist eine biedermeierliche Tugend. Menschen, die von der Zufriedenheit befallen sind, bringen mich zum Gähnen. Der große Dirigent Harnoncourt zum Beispiel war ein Botschafter der Unruhe: Zufrieden dürfe man nie sein, sonst stagniere man in Kunst und Leben!

Fortuna ist eine wunderbare, gleichwohl gefährliche Göttin. Sie teilt einem das Geschick nach Maßstäben des Zufalls zu, und es ist das Zufallsglück, das mich fasziniert. Ich glaube, dass alle Menschen, um auf dieser Welt durchzukommen, auf den Zufall angewiesen bleiben, auch wenn sie jede andere Art von Glück hatten, für das man durch seine Tugenden vorsorgen kann.

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Gegen die Verehrung der Fortuna gibt es allerdings ein Argument, das nachvollziehbar ist und das aus der Antike stammt: Der Mensch hat doch Vernunft, und so ein vernünftiges Wesen soll dem Zufall ausgeliefert sein? Unglaublich, dass die Tugend, mit der man sein Glück macht, nicht erlernbar und anwendbar wäre. In diesem Sinne argumentiert Plutarch. In der erhellenden Einleitung ist das Problem so formuliert: "Wie kann man zugeben, dass man die trivialen Erfordernisse des täglichen Lebens lernen muss, dass aber das Allerwichtigste, die Tugend, d. h. das vernunftmäßige Handeln, dem Zufall überlassen bliebe?"

Dass die Vernunft die Tugenden regiert, ist vielleicht eine Wunschvorstellung, und dass uns die Tugenden (deren Verlust prominent beklagt wird) das Glück bescheren, könnte ein frommer Irrtum sein. Aber dennoch ist es erstaunlich, wie viele der antiken lebenskundlichen Texte, auch die von Plutarch (um 46–125 nach Christus), fast unmittelbar zu uns sprechen. Epikur, Epiktet, Seneca sind auch in der zerrissenen Moderne vielsagend geblieben.

Plutarch argumentiert für ein tätiges Leben, für das öffentliche Engagement. Dabei ist er differenziert und polemisiert gegen Epikur. Epikur, "der sonst die Zurückgezogenheit empfiehlt", ist immerhin dafür, "dass ehrgeizige und ruhmbegierige Menschen kein tatenloses Leben führen". Epikur sei aber unlogisch, fordere "er doch nicht diejenigen zum Wirken in der Öffentlichkeit auf, die das Zeug dazu haben, sondern bloß solche, die nicht still sitzen können".

Das ist eine nützliche Beschreibung, die das Gewimmel in der heutigen Öffentlichkeit erklärt: Lauter Leute, die nicht still sitzen können.

Plutarch: Glücklichsein. Denkanstöße aus der Antike; aus dem Griechischen von Marion Giebel; Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2018; 77 S., 6,– €