Zweieinhalb Jahre ist es fast schon her, dass der leblose Körper von Prince Rogers Nelson, den die Welt als den Musiker Prince kennt, tot in einem Fahrstuhl seiner Paisley Park Studios aufgefunden wurde. Todesursache war eine Überdosis des Schmerzmittels Fentanyl, das der Superstar zu brauchen glaubte, weil er sich auf der Bühne in hochhackigen Schuhen die Hüften kaputt getanzt hatte.

Anders als bei vielen seiner Künstlerkollegen war sein Abgang kein Suizid, kein letzter selbstbestimmter Knall einer rauschhaften Karriere, die direkt in den Höllenschlund von Depression oder ekstatischer Selbstaufgabe geführt hatte. Vielmehr war sein Tod mit 57 Jahren ein banales wie tragisches Versehen. Da der stets glühende Prince womöglich nicht in Betracht gezogen haben mochte, dass sein Leben jemals enden könnte, hatte der sonst so für seinen Hang zur totalen Kontrolle berüchtigte Perfektionist auch schlichtweg versäumt, seinen Nachlass rechtzeitig zu regeln.

Seine Fans kann das erst einmal freuen, denn die Verwandten von Prince, nach jahrelangem Rechtsstreit nun offiziell Verwalter des wohl gigantischsten Erbes der Popgeschichte, veröffentlichen jetzt mit dem Album Piano & A Microphone 1983 einen ersten, kleinen Teil dessen, was Prince hinter den Stahltüren seines Geheimarchivs vor der Öffentlichkeit versteckte. The vault nannte Prince diese Lagerräume in seinem Keller, und seit Langem elektrisiert die Fantasie der Prince-Verehrer nichts so sehr wie die Vorstellung, dass auf den Regalmetern noch etliche Stunden bislang unbekannter Musik ihres Idols auf sie warten.

Piano & A Microphone 1983 füttert dieses Begehr nun an mit neun Songs auf 35 Minuten, die Prince vor nunmehr 35 Jahren allein auf dem Piano eingespielt hat. Und von denen er wohl nicht wollte, dass die Öffentlichkeit sie jemals zu Gehör bekommt: Denn rigoros ging Prince stets mit seiner Musik um, niemand außer ihm sollte verfügen dürfen über das, was er schuf. Grimmig hatte er sich deshalb in diesem Jahrtausend von der etablierten Musikindustrie verabschiedet, um völlig ungebunden von allen branchenüblichen Regeln zu arbeiten. Im Paisley Park, dem Zentrum seines beruflichen und privaten Lebens, schirmte ihn ein meterhoher Zaun vor neugierigen Fans ab, sodass er sich mit seiner Musik in dem schmucklosen grauen Kasten in der Kleinstadt Chanhassen, Minnesota, wie in einem Bunker verschanzen konnte.

Auf mehr als sechstausend Quadratmetern verbrachte er dort seine Zeit in den eingebauten drei Studios, den Fitness-, Büro- und Meditationsräumen oder auf den zwei Probebühnen, die er sich anfertigen ließ. Und im Keller schließlich lagern bis heute erstaunliche Mengen an unveröffentlichter Musik. Darunter eine Kollaboration mit Miles Davis oder ein Album mit der Schauspielerin Kim Basinger, einer ehemaligen Affäre des Prinzen. Von mehr als fünftausend unbekannten Songs gehen Experten aus, was passt, wenn man bedenkt, dass Prince nahezu rund um die Uhr musizierte, bevorzugt nachts, und jede Minute davon mitschneiden ließ. Mehr als vier Stunden soll der Chef nie geschlafen haben. Seine langjährige Tontechnikerin Susan Rogers erinnerte sich: "Der schwierige Part war, dass wir lange, lange, lange aufbleiben mussten. Ein typischer Arbeitstag bei Prince dauerte 20 bis 24 Stunden. Ein Zwölf-Stunden-Tag war wie Urlaub. Frei war nie. Es wurde sogar zu Weihnachten, Neujahr und an seinem Geburtstag gearbeitet."

Das meiste, was im Paisley Park eingespielt und ausprobiert wurde, verschwand aber umgehend im vault. Bobby Z, Schlagzeuger der legendären Prince-Band The Revolution, ergänzt: "Ich kannte Prince seit 1977, und seit damals schrieb er mindestens zwei Songs pro Tag. Man muss kein Mathematikgenie sein, um sich auszurechnen, was da noch alles lagert. Wenn wir alle längst nicht mehr leben, werden sie noch Material aus dem vault veröffentlichen." Doch was taugt dieses Material? Hielt Prince es verborgen, weil er es für schlecht hielt? Oder für so herausragend gut, dass er es mit niemandem teilen wollte?

Auf Piano & A Microphone 1983 jedenfalls führt Prince euphorisch Versionen von Songs wie 17 Days, Wednesday, International Lover, Strange Relationship und ein rudimentäres Purple Rain auf, dazu A Case Of You, eine ehrfurchtsvolle, aber anrührende Coverversion eines Songs der von Prince ganz besonders verehrten Joni Mitchell. In Fahrt kommt er bei der traditionellen Gospel-Nummer Mary Don’t You Weep, die er gern auch bei Konzerten ins Programm nahm und die er hier mit großer Hingabe und hörbarer Freude aufführt. Zur Krönung gibt es obendrauf die unbekannten Nummern Cold Coffee And Cocaine und Why The Butterflies.

Ein Ereignis für die globale Prince-Gemeinde also, das den Künstler als virtuosen Klavierspieler und euphorischen Sänger zeigt. Trotzdem bleibt ein seltsamer Nachgeschmack. Nicht ohne Grund, welcher auch immer das gewesen sein mag, hatte Prince diese Songs nun mal ganz bewusst in seinem Archiv angehäuft, verborgen vor der Öffentlichkeit. Einige seiner Vertrauten behaupten sogar, dass er immer wieder mit dem Gedanken gespielt habe, alles, was im vault lagert, gar zu vernichten. Dazu wird es nicht mehr kommen. Ob das nun eine gute oder schlechte Nachricht ist, bleibt abzuwarten.