DIE ZEIT: Schon Ihr Großvater, Ihr Vater und Ihr Onkel waren Bauunternehmer oder Architekten. Warum haben auch Sie sich für das Bauen von Häusern entschieden?

Renzo Piano: Mein Vater hatte rund zwanzig Mitarbeiter, aber er war immer selbst auf den Baustellen, stets in gutem Anzug und mit Hut gekleidet. Ich habe meine Kindheit mit ihm auf diesen Baustellen verbracht, habe dort mit dem Sand gespielt und zugeschaut, wie die Mauern wuchsen. Das Bauen schien mir eine gute Idee zu sein. Auch meine Heimatstadt Genua hat bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt.

ZEIT: Inwiefern?

Piano: Genua hat die größte historische Altstadt in Europa. Sie ist extrem dicht und geschickt bebaut. Die Stadt besteht aber nur zur einen Hälfte aus Stein, zur anderen Hälfte aus Wasser. Auch der Hafen ist eine Stadt, nur dass sich die Gebäude darin ständig bewegen und alles schwebt. Die Schiffe auf dem Wasser, die Ladungen an den Seilen der Kräne. Das hat mich fasziniert.

ZEIT: Auch als Architekt kämpfen Sie gegen die Schwerkraft, haben Sie einmal gesagt.

Piano: Ja, aber die Schwerkraft ist ziemlich hartnäckig. Es ist wie beim Schreiben, wo man gegen zu lange und umständliche Sätze kämpft, gegen zu viele Adjektive, zu pompöse Formulierungen. Es geht mir um die Kunst des Wegnehmens. Um das Erreichen einer Essenz.

ZEIT: Die Kritiker haben Probleme, Ihren Stil auf einen Nenner zu bringen. Geht es um eine Architektur der Leichtigkeit?

Piano: Genau, Leichtigkeit als eine physische und mentale Qualität. Die Leichtigkeit ist ein enger Freund der Transparenz und des Lichts. Manchmal beneide ich die Musiker und die Dichter um ihre Mittel, weil es viel einfacher ist, Leichtigkeit mit Tönen und Wörtern herzustellen als mit schwerem Stahl und Beton.

ZEIT: Woher diese Sehnsucht nach Leichtigkeit?

Piano: Es hat wohl auch mit dem Mittelmeer zu tun, an dem ich aufgewachsen bin – das Licht, die Durchsichtigkeit des Wassers, der weite Blick. Das Mittelmeer ist sehr speziell, es treffen sich hier die Kulturen aus Europa und Afrika. Paul Klee hat erst auf einer Mittelmeerreise seine Farben entdeckt.

ZEIT: Ist es eine mediterrane Idee, dass das Schöne gleichzeitig auch das Gute ist?

Piano: Wenn man in Italien eine Person bella nennt, dann ist damit der Mensch als Ganzes gemeint, nicht nur sein Aussehen, sondern auch sein Denken, seine Haltung. Und so verhält es sich auch mit dem Konzept der belleza in Spanien, im alten Griechenland hieß das kalos kagathos. Die Politiker im alten Athen versprachen den Bürgern, ihnen die Stadt schöner und zugleich besser zu hinterlassen. Dieses Prinzip der Schönheit findet man auch im nördlichen Afrika.

ZEIT: In Deutschland herrscht zuweilen eine gewisse Skepsis gegenüber dem Schönen.

Piano: Das kann ich verstehen. Weil das Schöne getrennt vom Guten gedacht wird. Und weil es in einer auseinanderfallenden Welt mit Kosmetik, mit Frivolität assoziiert wird. Wir müssen die andere Deutung von Schönheit zurückbringen, Schönheit im Sinne von Neugierde, von Bildung, von Solidarität.

ZEIT: Vor einem Monat ist in Ihrer Heimatstadt die Morandi-Brücke eingestürzt ...

Piano: Es ist ein Desaster. Diese Brücke war nicht irgendeine Brücke, es war die Brücke von Genua. Und eine solche Brücke stürzt nicht nur einmal, sondern zweimal ein. Es sind 43 Menschen gestorben, Hunderte Menschen mussten ihre Häuser unter der Brücke verlassen. Aber es ist eben auch die Brücke als Symbol zusammengebrochen. Und das ist in einer Zeit, in der neue Mauern gebaut werden, ein Desaster.