Immerhin der Kaffee soll kostenlos sein, wenn sich an diesem Donnerstag die Aktionäre von Ryanair in einem Konferenzhotel nördlich von Dublin treffen. Und das ist alles andere als selbstverständlich, wenn die geizigste Fluggesellschaft Europas einlädt, die gerade erst Gebühren für größeres Handgepäck eingeführt hat.

Mischung aus Chuzpe und Ignoranz

Für die Aktionäre jedoch war es das wohl mit den guten Nachrichten. Dabei war Ryanair seit mehr als 20 Jahren eine Fluggesellschaft, die Anteilseigner einfach nur lieben konnten. Sie wuchs zeitweise jährlich um mehr als zehn Prozent – bei Umsatz und Gewinn wohlgemerkt. Und das Schönste: Dem Unternehmenschef Michael O’Leary gelang es, mit einer Mischung aus Chuzpe und Ignoranz Gewerkschaften, die mehr Geld für die Mitarbeiter durchsetzen könnten, vom Unternehmen fernzuhalten.

Doch O’Learys Strategie, die Streiks verhinderte und niedrige Löhne garantierte, ist Geschichte.

Auf den ersten Blick verdiente Ryanair im ersten Quartal dieses Jahres mit 319 Millionen Euro Gewinn noch klotzig. Gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum waren das aber rund 80 Millionen Euro weniger. Der Aktienkurs ist in den vergangenen zwölf Monaten ebenfalls um fast ein Viertel gesunken, während der große Rivale EasyJet beinahe um 20 Prozent zulegte.

Ein Flug ist fast so teuer wie bei der Lufthansa

Auch Passagiere werden enttäuscht. Ryanair hält das Versprechen vom Billigfliegen immer seltener ein. Das ergab zumindest eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt im Frühjahr. Ergebnis beim Vergleich von Dutzenden Strecken: Wer einen Tag vor Abflug bucht, zahlte für ein Ryanair-Ticket mit fast 170 Euro nur knapp 30 Euro weniger als bei der Lufthansa-Tochter Eurowings, aber doppelt so viel wie bei EasyJet. Erst bei mindestens einem Monat Vorausbuchung ist Ryanair günstiger als EasyJet.

Tatsächlich entwickelt sich 2018 zu dem Jahr, in dem aus Ryanair eine ganz gewöhnliche Fluglinie wird. Die Passagiere schimpfen über Verspätungen wie bei Eurowings, die Manager räumen ausufernde Kosten wie bei British Airways ein, und weil es zugleich an Personal mangelt, das sich zu Ryanair-Bedingungen einstellen lässt, wird es schwierig mit dem Wachstum.

Kein Wunder. Mühevoll haben europäische Gewerkschaften, darunter auch die Vereinigung Cockpit der deutschen Piloten, Mitarbeiter von den Vorteilen einer gemeinschaftlichen Vertretung überzeugt. Selbst das Kabinenpersonal fand im vergangenen Jahr genug Mitstreiter, um festzuzurren, was im Rest Europas längst selbstverständlich ist: das Recht, gemeinsam Arbeitnehmerinteressen durchzusetzen. Mitte Juli erkannte Ryanair in Deutschland ver.di als Verhandlungspartner für künftige Tarifverträge an. Und nun erlebt O’Leary, was er bisher nur von der Lufthansa kannte.

Vergangene Woche streikten Ryanair-Piloten in Deutschland. Inzwischen sind die meisten von ihnen organisiert, weshalb 150 von 400 Flügen gestrichen werden mussten. Die Piloten fordern höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Bereits im August legten sie und die Kabinenbesatzungen in vielen europäischen Ländern die Arbeit nieder. Mehrere Hundert Flüge wurden abgesagt.