Ich würde gerne schreiben, dass sich bei der Abfahrt sofort das große Gefühl der Freiheit eingestellt hat, dass wir fröhlich diesem Abenteuer entgegentuckern. Aber nach dem Ausmisten sind wir einfach nur erschöpft.

Nachdem ich in diesem Zustand vergessen hatte, die Wegfahrsperre zu entriegeln, und das Auto erst mal absoff, verlassen wir nun mit dem gleichmäßig brummenden Wagen Hamburg gen Süden. Für mich stehen bald Lesungen auf dem Programm, für meine Freundin aufwendige Recherchen. Doch zunächst ein privater Pflichttermin: P.s Bruder heiratet. Er ist Polizist, sie Anwältin – und mir schwant Übles. Nicht wegen der Hochzeit, sondern wegen der Eltern. Denn seit meine Freundin ihnen erzählt hat, was wir vorhaben, herrscht Aufregung im Staate Bayern.

Gerade passieren wir Friedland – im dortigen Grenzdurchgangslager ist meine Familie einst aus der Sowjetunion angekommen –, da geht ein rotes Lämpchen an. Meine Freundin blättert in der Betriebsanleitung. "Das ist die Ladekontrollleuchte." – "Ja und?" – "Wenn die dauerhaft leuchtet, soll man sofort in die Werkstatt." Die Ladekontrolllampe leuchtet dauerhaft.

Haben wir wirklich erst vor ein paar Stunden die Schlüssel unserer schönen Wohnung gegen die dieser gottverdammten Karre getauscht?

Abfahrt zur nächsten Tankstelle. Vielleicht hilft ein Neustart. Ich schalte den Chrysler aus, schaue auf den Rosenkranz am Rückspiegel, starte. Das Licht ist erloschen. Halleluja.

Gegen Abend in der Nähe von Hannoversch Münden. In einem romantischen Flusstal suchen wir einen Platz für unsere erste Nacht im Auto. Wo darf man sich überhaupt hinstellen? Zum Beispiel auf Wohnmobilstellplätze, klar. Aber schon mal so einen Platz gesehen? Das Gute an unserer Familienkutsche ist: Niemand denkt, dass da jemand drin wohnt. Außerdem ist es in Deutschland im Gegensatz zu Ländern wie Kroatien und den Niederlanden nicht verboten, im Auto zu übernachten. Wir stellen uns also direkt an die Werra. Im Zweifel sagen wir einfach, hey, ist nur ein Schäferstündchen. Heckklappe auf, in die Landschaft geschaut: Der Fluss zieht gemächlich durchs bewaldete Tal. Ein Schwarm Schwalben kreist über dem Wasser. "Hunger?", frage ich P. Sie nickt. Wo war die Küche jetzt noch mal?

Unser Auto ist folgendermaßen strukturiert: Hinten, in Bananenkisten unter dem Bett, befinden sich Bad, Küche und Speisekammer. In der Speisekammer lagern Lebensmittel, Gewürze und dergleichen. In der Küche Pfanne, Gaskocher und Espressokanne. Ganz links, in der dritten Bananenkiste, sind Mini-Apotheke und Duschzeug. Die Dreierreihe Kisten davor beherbergt Bücher, Wohnzimmer quasi. Dann eine Reihe Garage (Öl, Kühlmittel) und Büro (Umschläge, Festplatten, Manuskripte). Die letzte Reihe, also an der Rückseite der Fahrersitze, vereint Schlafzimmer (Klamotten) und Waschkeller (Persil). Auch in den Schlafzimmerkisten: ein dunkelblauer Anzug und das kleine Schwarze.