Es gibt in den Geschichten der Opfer eine wiederkehrende Episode, die erklärt, was das Besondere und besonders Bittere am Missbrauch in der katholischen Kirche ist.

Ein Junge, der von seinem Pfarrer belästigt wurde, vertraut sich einem anderen Pfarrer an: und wird zur Beichte geschickt.

Eine Ordensschwester, die von einem Priester vergewaltigt wurde, vertraut sich einer Ordensoberin an: und wird zur Beichte geschickt.

Ein Kleriker, der mehrfach des Missbrauchs beschuldigt wurde, gesteht seinem Vorgesetzten, er sei schuldig: und wird zur Beichte geschickt.

Nun kann man im Fall des geständigen Täters finden, immerhin! Gestehen ist besser als leugnen! Und tatsächlich fällt in den düsteren Berichten der letzten Wochen über den Missbrauch Minderjähriger durch katholische Kirchenmänner auf, dass viele Priester ihre Taten jetzt zugegeben haben – gegenüber der Grand Jury in den USA, gegenüber der Royal Commission in Australien und auch gegenüber Forschern, die für die Deutsche Bischofskonferenz mutmaßliche Täter befragten. Man darf jedoch nicht vergessen: Fast alle Taten sind heute verjährt. Und man muss fragen: Wozu diente damals die Beichte? Der Wahrheitsfindung nicht. Beichten war ein Mittel, um die Opfer zu kriminalisieren und die Täter nicht zu sanktionieren.

Ein Priester, der missbraucht, verstößt zunächst einmal gegen den Zölibat

Seltsam, dass in der Kirchenhierarchie keiner ein schlechtes Gewissen hatte, wenn er die hässliche Kunde vom Missbrauch in den heiligen Raum des Beichtsakraments entsorgte. Woran lag es? Nicht an "Männermacht", "Priesterbündnis", "Klerikalismus", wie es jetzt heißt, sondern am meisten vielleicht an der kirchenrechtlichen Bagatellisierung der Verbrechen. Dem Gesetzbuch der katholischen Kirche zufolge ist ja Missbrauch ein nachgeordnetes Delikt: Im Codex Iuris Canonici, Canon 1395, fällt sexueller Missbrauch unter Verstöße gegen den Zölibat. Ein Priester, der gewaltsam missbraucht, macht sich in erster Linie der Verletzung des Zölibatsversprechens schuldig. Sein eigentliches Vergehen ist Sex.

Das gehört gebeichtet. Diese Sicht auf Sexualität und Gewalt aber steht in krassem Gegensatz zum heutigen Rechtsempfinden in den westlichen Demokratien. Kirchenrecht und Strafrecht kollidieren. Kirche und Welt passen nicht zusammen. Das könnte noch mehr Bürger aus der Kirche treiben. Kein Wunder, wenn die Kirche nun angstgetrieben reagiert. Es geht nicht mehr um ihren Ruf, es geht um ihre Existenz. Deshalb gibt es jetzt neben klaren Worten einiger weniger Bischöfe (Müssen für Verbrechen geradestehen!) und hilflosen Worten vieler (Sind beschämt!) peinliche Schuldzuweisungen untereinander: Kardinal Pell war der Schlimmste! Nein, Kardinal McCarrick! Nein, Papst Franziskus!

Seit der amerikanische Nuntius a. D. Carlo Maria Viganò den amtierenden Papst als Obervertuscher brandmarkte, mit fadenscheinigen Belegen, ist ein Machtkampf entbrannt zwischen Progressiven und Reaktionären. In Amerika ebenso wie in Rom nutzen Franziskus-Gegner die Ungunst der Stunde, um den Reformpapst zu schwächen. Jüngster Wahnsinn: Die italienische Zeitung Il Fatto Quotidiano hatte angekündigt, eine Liste homosexueller Kurienmitarbeiter zu leaken, und die Liste kam erkennbar von rechts. Zwar wurde das homophobe Massen-Outing zunächst verhindert, doch der Fall ist klar: Es gibt Kräfte in der Kirche, die machen noch in der tiefsten Vertrauenskrise Machtpolitik, und als Waffe benutzen sie ihre eigene verkorkste Sexualmoral.

Das Ziel? Vom Missbrauchsthema ablenken und den Papst zum Rücktritt bewegen. Als ließe sich eine zweite Papstabdankung einfach überleben. So zerlegt sich die Weltkirche. Und in Deutschland? Am 25. September präsentiert die Bischofskonferenz ihre Missbrauchsstudie, doch eine Woche vorher hatten noch immer nicht alle Bischöfe das Papier. So sehr misstraut man sich, so wenig bereitet man sich vor. Der Jesuit Klaus Mertes, Deutschlands prominentester Missbrauchsaufklärer aus den Reihen der Kirche, sagte: "Die Katholiken schämen sich fremd für ihre Bischöfe. Die Volksseele kocht."

Da hilft nur eins. Die Kirche muss sich um das Wichtigste zuerst kümmern. Nein, nicht um die Kirche! Nicht um Sexualmoral, Zölibat, Priestermacht! Sondern zuerst um die Opfer. Die warten noch immer auf Antwort, warum sie einst zur Beichte geschickt wurden und wie die Kirche nun sühnen will, dass sie so viele Verbrechen geschehen ließ.

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