Diese Etappe auf der Suche nach dem Wesen des Mittelmeers beginnt mit einem Reinfall. Nunzia hangelt sich vom Schiffsbug auf das Seil, mit dem das weiße Segelboot am Poller auf dem Steg festgebunden ist. Beim Versuch, das Tauwerk straffer zu spannen, rutscht die Tierärztin aus der Nähe von Rom ab und landet im Hafenwasser von Sète. Das südfranzösische Fischerstädtchen mag in der verglühenden Abendsonne noch so einladend wirken, dem schmutzigen Hafenwasser wollte sie wohl nicht so nah kommen.

Macht nichts, winkt Nunzia ab, als sie aus dem Wasser klettert und über die Gangway pitschnass zurück ans Heck der Mediterranea steigt, wo der Rest der Mannschaft erschrocken aufgesprungen ist. Simone Perotti, der braun gebrannte, dreitagebärtige Kapitän der 18 Meter langen Ketsch, hat auf den Sturz mit einem unterdrückten Lächeln reagiert. Dass sich seine Besatzung von Woche zu Woche neu einspielen muss, ist er gewohnt. Schließlich ist die Mediterranea kein gewöhnliches Segelschiff und diese Reise keine Urlaubsfahrt. Perotti, 52, ist Seefahrer – und Schriftsteller. In Italien stehen seine Bücher auf Bestsellerlisten, jetzt erscheint erstmals eines seiner Werke auf Deutsch, der Atlas der Mittelmeerinseln, ein Buch voller wahrer und fiktiver Geschichten über 42 Inseln des Mittelmeers. Viele seiner Bücher handeln vom Mare Nostrum, wie die Römer das Mittelmeer nannten. Perotti fühlt sich ihm so sehr verbunden, dass er es seit vier Jahren praktisch durchgehend befährt. Im Frühjahr 2014 startete er eine insgesamt fünf Jahre dauernde Expedition namens "Progetto Mediterranea", im Gepäck die Fragen, die ihn auch in seinen Büchern umtreiben: Worin genau besteht das länderübergreifend Mediterrane, was macht es aus? Was hält das Mittelmeer zusammen?

Begleitet wird Perotti an Bord von den Mediterranei: So nennen sich italienische Segelfans, die sich vom Autor und seinem progetto haben inspirieren lassen. Perotti ist das einzige feste Crew-Mitglied, der Rest der Mediterranea wechselt sich über das Jahr hinweg ab – und manchmal, wenn Platz ist, dürfen auch Fremde wie ich für eine Woche mitsegeln. Momentan sind wir zu zwölft an Bord, Menschen aus allen Ecken Italiens, die auf den ersten Blick nur wenig verbindet.

Von Sète nach Barcelona: Vorn Vizekapitän Massimo, hinten Dario, der Jüngste auf dieser Etappe. © Christiane von Enzberg für DIE ZEIT

An den hinteren Mast gelehnt sitzt zum Beispiel Dario, gerade volljährig geworden und anfangs noch so schüchtern, dass er meist nach unten blickt, neben Luisa, der Buchhalterin, deren zart-elegante Erscheinung nicht ahnen lässt, welche Kräfte sie bei Manövern auf hoher See draufhat. Neben dem Steuerrad stopft Stefania, eine in Marseille lebende Schriftstellerin mit wilden roten Locken, ihre Pfeife nach, während Mauro, IT-Experte, mindestens so tiefengebräunt wie tiefenentspannt, an Deck liegt und Melodien italienischer Liedermacher summt.

Früh am nächsten Morgen holt mich ein winziger Ruck aus dem Schlaf. Ein blasser Lichtstreifen fällt durch die Luke auf mein Laken. Es geht los: Die Mediterranea gleitet am grün-weiß getünchten Leuchtturm von Sète vorbei hinaus auf die offene See, die frühen Sonnenstrahlen bringen das Wasser zum Glitzern. Es dauert nicht lange, bis wir eine Gruppe Delfine entdecken. Kitsch pur, der ziemlich gut passt zum Sehnsuchtsort Mittelmeer. Das Nächste, was im Wasser auftaucht, ist dann eine silbergraue Luftmatratze. Der Kapitän ändert den Kurs, um das Plastikteil aus dem Wasser zu fischen. Da wir schon dabei sind, holt Dario auch das Rohr mit dem Filterstück an Deck, das hinter dem Boot hergezogen wird. Der Filter gehört zum wissenschaftlichen Teil der Expedition: Die Crew entnimmt Planktonproben und stellt sie Forschern zur Verfügung, um die Diversität von Meeresorganismen zu messen. Doch meist bleiben mehr Plastikkrümel als Plankton im Rohr hängen.

Gegen Mittag kommt Wind auf, die Wellen beuteln uns immer stärker. Dies wäre der Moment, um seekrank zu werden. Ist zum Glück nicht passiert, denke ich einige Stunden später, ganz beschwingt vom Sieg über meine Sinnesorgane. "Mag wer Kaffee?", frage ich in die Runde. Den besorgten Blick von Mauro ignoriere ich. Voreilig. Die nächsten Minuten klemme ich mich breitbeinig zwischen Kombüsenwand und Küchenzeile und drücke die Mokkakanne auf die Gasflamme, weil sie ständig nach links oder rechts fallen will. Wieder an der frischen Luft, muss ich mich mit dem Blick am einzig stabilen Punkt festkrallen, dem Horizont. Auf den Kaffee verzichte ich.

Und plötzlich verschlechtert sich auch noch die Wetterprognose. 40 Knoten werden für die Nacht vorhergesagt, stürmischer Wind. Mit einem artischockenförmigen Wolkenkoloss im Blick kämpfen wir uns sicherheitshalber in die Marina von Canet-en-Roussillon, einem Badeort mit Endlossandstrand, Hotel- und Restaurantmeilen. Nicht gerade der Ort, von dem ich mir mediterrane Erleuchtung erwarte. Der ungeplante Hafenstopp scheint aber niemanden zu stören. Wir holen Weißwein, Oliven und französischen Käse aus der Kombüse. Es dauert nicht lange, bis Perotti anfängt zu erzählen. Er ist verliebt in die Seefahrerlegenden von Sarazenen, Genovesern oder Maltesern und von Piraten wie Turgut Reis.