Clara Meier*, ein Mädchen von vier Jahren, das nur Deutsch spricht, den ganzen Tag Alle Vögel sind schon da trällert, im Fernsehen am liebsten das Sandmännchen schaut, abends darum bettelt, nur noch ein einziges Mal die Geschichte vom Dornröschen erzählt zu bekommen, und nachts auf Deutsch träumt, liegt weinend in ihrem Bett in den katalanischen Bergen, weil ein deutsches Gericht beschlossen hat, dass das Kind nach Spanien gehört. Die Mutter, eine Deutsche, ist entsetzt über den Vergleich, dem sie vor Gericht zustimmte, weil sie keinen Ausweg mehr sah. Der Vater, ein Katalane, der kein Deutsch spricht, ist glücklich darüber.

Was das Kind möchte, ist für die Richter ohne Bedeutung, und wenn man verstehen will, wann und wo der Irrsinn begann, dann muss man zurückblenden zum 20. März 2014, als Clara fünf Tage alt war und ihr Vater die Mutter verließ. Vater, Mutter, Kind waren auf der Neugeborenen-Intensivstation in Böblingen bei Stuttgart. Claras Atem setzte immer wieder aus, sie lag, an Geräte angeschlossen, an der Brust ihrer Mutter. Da sagte der Vater zur Mutter: "Ich habe mich in eine andere Frau verliebt. Ich muss jetzt erst einmal sie kennenlernen. Das verstehst du doch, oder?" So jedenfalls erzählt es die Mutter, die mit dem Vater nicht verheiratet war.

Diese Sätze waren das Ende einer achtjährigen Beziehung, die Claras Eltern, Maria Meier und Joan Farre, geführt hatten.

Heute sagt sie: "Ich hätte es ahnen können, er war schon in der Schwangerschaft merkwürdig distanziert. Nie kam er mich in Deutschland besuchen, wochenlang verschwand er in den Bergen. Aber ich dachte: Typisch Mann, macht sich aus Angst vor der neuen Situation in die Hose."

Er sagt heute: "Das war damals hart für mich. Na ja, für alle war es hart. Maria ist allerdings nicht zusammengebrochen."

Die beiden lernten sich 2006 kennen, als Maria Meier ein Jahr lang in Bilbao studierte. Gemeinsam kletterten und wanderten sie in den Pyrenäen, wo Joan Farre bis heute lebt und in einer Autowerkstatt arbeitet. Sie lebte mal bei ihm in Katalonien, mal in Deutschland. Sie sprachen miteinander katalanisch.

Sie ist heute 36.

Er 37.

Sie erzählt ihre Geschichte im Garten des Hauses bei Stuttgart, in dem sie aufgewachsen ist.

Er erzählt seine Geschichte auf dem Marktplatz einer kleinen Stadt am Fuße der Pyrenäen.

Als Clara vier Monate alt und wieder gesund war, im Jahr 2014, lernte sie ihren Vater kennen. Die Mutter brachte sie zu ihm nach Spanien, "wir müssen sehen, ob sie dich erkennt", schrieb sie ihm. Sie wollte, dass die Tochter eine Beziehung zu ihrem Vater aufbauen konnte. Die Mutter tat dafür viel. Wenn er sie abends für ein paar Stunden zu sich nach Hause mitnehmen wollte, erzählt sie, habe sie ihm Essen für die Kleine in Tupperdosen gepackt und in Claras Windelpakete gesteckt. Mutter und Tochter wohnten damals in einem Haus in den Pyrenäen, ab und zu besuchte der Vater sie. Er lebte nur wenige Kilometer entfernt.

Claras erste Worte waren Mama, Katze und "chitxa", das heißt Würstchen

Nach Katalonien kam die Mutter auch aus einem anderen Grund: Maria Meier ist Reisejournalistin für verschiedene Auftraggeber, damals arbeitete sie unter anderem für ZEIT ONLINE. Schon vor der Schwangerschaft hatte sie mit Verlagen vereinbart, dass sie drei Wanderführer über die Region schreiben werde. Nach ein paar Monaten, als der Winter in die spanischen Berge kam, zogen Mutter und Tochter zurück nach Deutschland, in das Haus von Claras Großeltern. Der Vater hatte nichts dagegen.

So sieht es die Mutter.

Der Vater bestreitet – auch – diesen Punkt.