Die SPD-Spitze hat sich in diesen Tagen selbst überrascht: Sie kann noch mutig sein.

Der Mut der Genossen bestand darin, dass sie im Streit um den Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen bereit waren, für ihre Position ("muss gehen") bei miserablen Umfragewerten den Fortbestand der großen Koalition zu riskieren. Zwar musste die Parteispitze zu diesem Mut vom Juso-Chef Kevin Kühnert ein wenig getragen werden. Da aber Mut qua Natur eher jugendlich ist, schadet das nicht weiter. Beim Wähler bleibt hängen: Plötzlich hat die SPD eine klare Haltung. Und zwei Prozent mehr in den Umfragen.

Maaßen musste gehen, und auch wenn Horst Seehofer ihn umgehend zum Staatssekretär ernannte, haben die Sozialdemokraten ihr wichtigstes Ziel erreicht. Sie haben den Verfassungsschutz von einem Präsidenten erlöst, den sie für untragbar halten. Mutig zu sein hat sich gelohnt.

Die Doppelspitze aus Scholz und Parteichefin Andrea Nahles hatte die SPD mit einer klaren Grundorientierung in die dritte Groko seit 2005 geführt. In einer Welt, in der nationaler Egoismus internationale Kooperation immer mehr verdrängt, in der Deals zwischen autokratischen Führern mehr zählen als multilaterale Verträge, in der die Lager immer schärfer gegeneinander hetzen, sollte die deutsche Sozialdemokratie eine Zuflucht der Ratio verkörpern. Einen Ort, an dem das kühle Denken die wilden Emotionen bricht.

Dummerweise war die Planstelle Vernunft bereits von Angela Merkel besetzt. Und, auch unglücklich, Scholz schaltete just in dem Moment auf "Merkel plus", als die Methode Merkel an ihre Grenzen stieß. Die Politik der kleinen Schritte passt nicht mehr zur Größe der Probleme. Maß und Mitte beruhigen die Leute nicht mehr, sie regen sie auf: Die Sinnstiftung des Normalen ist schwächer als die Verhetzungsmacht der Populisten.

Auf die emotionale Wucht von rechts reagierte die Scholz-SPD scholzhaft: Sie erstarrte in Vernunft. Doch damit ist es nun vorbei. Scholz und Nahles haben mitbekommen, dass Linke, Intellektuelle, überzeugte Europäer sich nach einer starken, aus ihrer Geschichte heraus überzeugenden Kraft sehnen, an die sie ihre Wut, ihre Ängste oder auch ihre Ohnmachtsgefühle andocken können. Allein auf Vernunft zu setzen wäre unvernünftig.

Bei der Rente und der Miete haben die Genossen erste Ausbrüche aus ihrem Gedankengefängnis des guten Regierens unternommen – und Ziele markiert, die in der Groko nicht zu erreichen sind. Ein Verfassungsschutzpräsident, der "gute Gründe" vorgibt, ein Video öffentlich als "gezielte Falschinformation" einzuschätzen, damit rechtsradikale Ausschreitungen bagatellisiert, kam ihnen da gerade recht. Nichts berührt die Seele der Genossen so sehr wie der Kampf gegen rechts – und kaum etwas regt sie so auf wie die Verharmlosung rechter Gewalt. Da geht es schnell um das emotionale Selbstverständnis der Sozialdemokratie. Und von dort ist es nur ein kurzer Weg zu den großen Gefühlen – Otto Wels, das Nein zum Ermächtigungsgesetz, der Widerstand gegen die Nazis. Der Kern der SPD musste berührt werden, damit sie wieder mutig sein konnte. Nun gilt es den Mut zu bewahren.

Es gibt Anzeichen, dass die SPD nicht wieder in Vernunftstarre zurückfällt. Mit seinem Vorstoß, das Rentenniveau bis 2040 zu garantieren, hat Scholz seine eigene Entscholzung eingeleitet. Und auch Nahles hat ihren zwischenzeitlichen Selbstversuch, weniger schrill zu sein – kein "Ab morgen gibt’s in die Fresse" mehr –, abgebrochen. In Offenbach röhrte sie unlängst die Hessen-SPD sehr nahleshaft in den Wahlkampfmodus. Nahles hat wieder den Mut, Nahles zu sein.

Wenn ihr und den anderen Genossen der Mut mal wieder abhandenzukommen droht, sollte sich die SPD an den Dramatiker Nicolas Chamfort erinnern. Zu Zeiten der Französischen Revolution schrieb er, was heute noch gilt: "Durch die Leidenschaften lebt der Mensch, durch die Vernunft existiert er bloß."