Angela Merkel hat im Zusammenhang mit den ausländerfeindlichen Tumulten, die in Chemnitz am 26. August stattfanden, von "Zusammenrottungen" und "Hetzjagden" gesprochen. Diesen Sprachgebrauch hat der Dresdener Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt in einer viel beachteten Petition an die Regierung hinterfragt. Und in seinem Blog erklärt Patzelt, er könne Beweise für Hetzjagden und Zusammenrottungen nicht finden. Patzelt, gern gesehener Gast in Talkshows und CDU-Mitglied seit 1994, hat ein interessantes Wort in die Debatte eingeführt, um die Chemnitzer Szenen genauer zu bezeichnen. Er nennt das Verhalten rechter Demonstranten, die Ausländer oder "Zecken" (Linke) verfolgten, ein "Nacheileverhalten". Auch "Einzelfälle von Flüchten und Hinterherhetzen" hätten wohl stattgefunden, Belege für eine Hetzjagd habe er aber nicht erhalten.

Nacheileverhalten – man atmet sofort ruhiger, wenn man dieses Wort ausspricht; es hat eine ähnlich wohltuende Wirkung wie das Wort Nachhaltigkeit. Die Eile ist ja, im Gegensatz zur Hast, ein positiv besetzter Begriff. Wer sich beeilt, ist besorgt – er hat berechtigte Angst, zu spät zu kommen. Vermutlich will er das Schlimmste verhindern. Beispiel aus der Arztromanliteratur: "Eilig betrat Professor Holm den OP-Raum. Er kam keine Sekunde zu früh."

Das Präfix "nach" vor dem Verb "eilen" suggeriert, dass jemand auf eine Initialhandlung reagiert: Es ist zwingend, dass er so handelt, wie er es tut. Der Vorausgeeilte gibt ihm Grund zur Annahme, dass ein Hinterhereilen angebracht ist. Wer eilt, will der im Grunde nicht, dass ihm nachgeeilt wird? Sollte der Nacheilende den Vorauseilenden je einholen, ist damit zu rechnen, dass ein von dem Nacheilenden am Vorauseilenden vollzogenes Nachtreteverhalten zu protokollieren sein wird.

Nun erleben wir immer öfter, dass das Nacheilen neue Dimensionen erreicht. So ist dem Autor Christian Brandes (Künstlername Schlecky Silberstein), Produzent einer Filmsatire über die Chemnitzer Tumulte, in umfassendem Sinn nachgeeilt worden: Der Berliner AfD-Abgeordnete Frank-Christian Hansel ging mit einem Kameramann zur Privatadresse von Brandes’ Produktionspartner, filmte das Klingelschild und stellte diesen Film ins Netz. Es begann ein Nacheileverhalten spezieller Art. Die Satiriker erhielten Drohungen, die im Satz "Wir ermorden euch eines Tages" gipfelten.

In einer Zeit, in der das Nacheilen so umfassend begriffen wird, ist Wachsamkeit angebracht. Man kennt diese Art des deutschen Auf-Trab-Seins, sie liegt noch nicht lang zurück.