Ich habe nie gezählt, wie viele Bomben ich schon entschärft habe. Allein heute waren es drei, im Wald: eine russische 100-Kilo-Bombe und zwei "Beutebomben", deutsche Fliegerbomben mit russischem Zünder. Im Wald liegen ähnlich viele Bomben wie in der Stadt, aber in Gärten oder auf Baustellen werden sie eher gefunden. Und dann bin ich dran: Mein Job ist es, den Zünder zu entfernen und so die Zündkette zu unterbrechen. Bevor ich anfange, errichte ich einen Sperrkreis um den Fundort. Außer Schutzbrille und Handschuhen trage ich keine besondere Kleidung – ich bin so dicht an der Bombe, da würde auch ein dicker Schutzanzug keinen Unterschied mehr machen.

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Zuerst entferne ich vorsichtig Rost und Schmutz – ich will allerdings nicht genauer beschreiben, wie, damit es niemand nachmacht. Wenn der Zünder freigelegt ist, muss ich ihn aus dem Sprengkörper herausschrauben oder -ziehen, je nach Bombentyp. Dabei muss ich absolut konzentriert sein. Ich denke nur an die konkrete Gefahr vor mir und blende alles andere aus. Wenn der Zünder sich zum ersten Mal bewegt, ist die unmittelbare Zündkette unterbrochen und die größte Gefahr gebannt. Dann fällt die Anspannung von mir ab. Trotzdem brauche ich weiterhin eine ruhige Hand: Der Sprengstoff hat über die Jahre "Pikrate" gebildet – Kristalle, die explosiv reagieren, falls ich den Zünder einer unnötigen Reibung oder gar Stößen aussetze.

Am gefährlichsten sind Blindgänger mit chemischem Langzeitzünder. Die dürfen wir nicht mal berühren. Wir wissen nie, wie weit die Säure, die die Explosion auslösen sollte, schon im Zünder vorgedrungen ist. Beim letzten tödlichen Unfall, 2010 in Göttingen, hat so eine Bombe drei Sprengmeister das Leben gekostet. Wenn ich solche Meldungen höre, denke ich immer an die Angehörigen der Kollegen – und dann an meine eigene Familie. Langzeitzünder trennen wir mit einem ferngesteuerten Wasserschneidgerät, das wir über Monitore überwachen, von der Bombe.

Wenn sich der Zünder nicht vom Sprengkörper trennen lässt, müssen wir die Bombe kontrolliert sprengen. Dazu bedecken wir sie mit Sand oder Wasser. Stroh eignet sich dafür nicht, das brennt lichterloh. Ich bin kein Held, wie es mir und den Kollegen manchmal zugeschrieben wird. Als Bundeswehrsoldat war ich in Afghanistan täglich dabei, wenn Bomben und Sprengfallen entschärft wurden – während teilweise in der Nähe Raketen einschlugen. Diese Zeit hat meine Einstellung geprägt: Alles kann ganz schnell vorbei sein. Und sie macht mich besonders aufmerksam: Jede Bombe muss ich neu bewerten, so als würde ich ein Exemplar zum ersten Mal finden. Routine ist tödlich.

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