Die Dame am Empfang ist nicht erfreut. Amseln, Misteldrosseln, Gimpel, Rotkehlchen. Eine ganze Einkaufstüte voll mit toten Vögeln. Schon wieder. Zwischen Kaffeetasse und Besucherbuch reicht sie die tiefgefrorene Ausbeute des Vormittags über den Tresen. In die ausgestreckten Arme von Renke Lühken, der damit nach oben verschwindet.

Lühken, promovierter Biologe und Ornithologe, sieht im Labor im Hamburger Bernhard-Nocht-Institut die Tüte durch, dabei erzählt er von seiner Jugend in Friesland: Fernglas und Brandgänse hinterm Deich. Sein Interesse an Vogelleichen rührt von einem zunächst überraschenden Forschungsschwerpunkt her – Lühken ist Mückenforscher. Die toten Vögel, die er untersucht, könnten einer von Mücken übertragenen Krankheit zum Opfer gefallen sein, dem sogenannten Amselsterben.

Es kam in diesem Sommer ganz plötzlich aus dem Süden und Osten der Republik. Nun fallen auch in Hamburger Gärten die schwarzen Drosseln tot von den Bäumen, auch Bartkauze verenden. Dasselbe Bild im südlichen Schleswig-Holstein und dem nördlichen Niedersachsen. Irgendetwas macht diese beiden Arten besonders verwundbar, was, ist unklar. Ob bei den anderen heimischen Vogelarten das Virus ebenfalls eine tragische Rolle spielt, muss erst noch überprüft werden. Deswegen haben die Infektionsforscher am Bernhard-Nocht-Institut die Bevölkerung um Mithilfe gebeten. Täglich werden Dutzende neuer Vogelkörper aus ganz Hamburg am Empfang des Instituts abgegeben. Noch einmal so viele kommen mit der Paketpost in Lühkens Labor. "Insgesamt haben wir schon 1200 Tiere hier", sagt er. "Langsam gehen uns die Gefrierschränke aus."

Das Usutu-Virus wurde in Deutschland auch schon bei Menschen nachgewiesen

Aufschluss über die Todesursache geben ein paar Schnitte mit dem Skalpell. Vor allem das Gehirn der Vögel ist verräterisch: Ist seine Hülle blau marmoriert von dick geschwollenen Blutgefäßen, dann war es wohl wieder Usutu. Das Virus stammt aus Afrika und kann lebensgefährliche Hirnentzündungen verursachen. Die geschwollenen Adern in den Hirnhäuten zeugen von dem Drama im Kopf. "Wir nehmen zusätzlich Organproben und suchen dort nach den Virengenen", sagt Lühken. "Nur wenn wir sie finden, können wir ganz sicher sein."

60 Sektionen am Tag sind kein Spaß, nicht einmal für einen wirklich wissbegierigen Menschen wie Lühken. Während die Vögel auftauen, zieht er einen Kittel über das Karohemd, rückt die Brille zurecht und schaltet den Abzug über dem Labortisch an, damit der süßliche Geruch in seiner Nase nicht zu stark wird. Er weiß ja genau, warum er sich dem aussetzt: Das Usutu-Virus wurde in Deutschland auch schon bei Menschen nachgewiesen, in Blutspenden. Da schaut man lieber ganz genau hin, was gerade passiert.

Nachdem er die entnommenen Gewebeproben im Labor abgegeben hat, lässt er sich in seinem Arbeitszimmer in den Bürostuhl fallen und atmet durch. Computer, Bücher, Papiere – es wäre ein Büro wie jedes andere, würden nicht im Hintergrund Ozeanriesen vorbeigleiten. Das Bernhard-Nocht-Institut thront über dem Hafen, direkt bei den Landungsbrücken. Die Schiffe sind für die Mückenvirusforscher eine ständige Mahnung zur Wachsamkeit: Die Larven vieler Mückenarten können schon in kleinen Wasserpfützen überleben, wie sie sich in alten Autoreifen sammeln. Winzige Pfützen finden sich überall, auch auf Schiffen, neue Arten können Deutschland also bequem auf dem Seeweg erreichen. Für einen Mückenforscher ist Hamburg daher ein verheißungsvoller Ort. Wenn wieder mal Schietwetter ist und sich überall das Wasser sammelt, fällt es Lühken auf dem Heimweg vom Büro schwer, an den Pfützen vorbeizugehen. In jeder könnte die nächste Entdeckung warten.

Anders war es mit Usutu: Dieses Virus kam ohne Mücken nach Europa – im Blut von Zugvögeln. Lühken erzählt, die ersten infizierten Deutschen hätten nicht einmal gemerkt, dass sie Kontakt mit einer ungewöhnlichen Erkrankung hatten. Sie erfuhren es erst vom Analyselabor, einige Tage nach ihrer Blutspende. Usutu ist ein unauffälliger Gast im menschlichen Körper – die Folge ist meist nur ein kleiner Sommerschnupfen. Doch manchmal wird es dramatisch, wie einzelne Fälle aus Frankreich und Italien zeigen. Dann geht es Homo sapiens wie der Amsel: Etwas kriecht den Nacken hoch, der Kopf pocht und schmerzt, und die Welt verschwimmt. Symptome einer Hirnhautentzündung, an der vor allem Menschen mit schwachem Immunsystem – Alte, Kranke, Neugeborene – sterben können. Deswegen muss Lühken herausfinden, wie groß das Problem wirklich ist.