Die letzte große Schlacht in Syrien soll vorerst ausbleiben. Die Präsidenten Erdoğan und Putin einigten sich am Montag auf eine Pufferzone für die Rebellenenklave Idlib. Wie kam es zu dieser Wendung?

Syriens Präsident Assad wirbt seit Wochen bei seinen russischen Verbündeten dafür, die letzte große von Rebellen kontrollierte Region in einer militärischen Großoffensive zu erobern. Die UN warnen vor einer humanitären Katastrophe. In Idlib leben etwa drei Millionen Zivilisten, vielen von ihnen bliebe im Fall einer Offensive nur die Flucht. Ihr einziger Ausweg führt über die türkische Grenze. Deshalb wollte die Türkei, die Teile der Rebellen in Idlib unterstützt, eine Offensive unbedingt verhindern.

Bei einem Treffen im russischen Sotschi konnte Erdoğan nun zumindest einen Aufschub erreichen. Der Deal: Gemeinsam wollen die Türkei und Russland bis zum 15. Oktober eine etwa 20 Kilometer breite Pufferzone rund um das Rebellengebiet einrichten. Alle schweren Waffen sowie "radikale" Rebellen sollen diesen Korridor verlassen. Assads Armee soll Idlib im Gegenzug nicht angreifen.

Für den Moment können die Menschen in Idlib aufatmen. Abgewendet ist die Katastrophe aber keinesfalls.

Erstens ließen die Präsidenten der beiden Schutzmächte in Sotschi völlig offen, wie die Pufferzone in der Praxis umgesetzt werden soll. Werden türkische Soldaten und russische Militärpolizisten ein gemeinsames Kommando einrichten – oder behält Russland die Oberhand? Wie lassen sich die "radikalen" von den übrigen Milizen trennen – und wer kann so etwas umsetzen? Beide Fragen bergen das Risiko, dass der Deal doch noch platzt.

Zweitens ist die militärische Großoffensive zwar aufgeschoben, aber nicht abgeblasen. Die Einrichtung der "Pufferzone" in Idlib erinnert an das bisherige Vorgehen von Assads Unterstützern Russland und Iran, die Rebellengebiete zu "Deeskalationszonen" erklärten – nur um sie anschließend eine nach der anderen mit äußerster Brutalität zu erobern. Dass es diesmal ähnlich kommen dürfte, darauf deuten die unterschiedlichen Erklärungen Erdoğans und Putins in Sotschi hin: Während Erdoğan betonte, man werde die "radikalen Elemente" aus Idlib entfernen, die Rebellen aber würden bleiben, sagte Putin, vor Jahresende wolle er die Hauptverkehrsrouten durch Idlib wieder "offen" wissen. Implizit heißt das: unter Assads Kontrolle.

Dennoch sendet die Einigung ein wichtiges Signal: Kompromisse sind noch nötig – und möglich. Erdoğan und Putin hatten sich mehrmals getroffen, ohne Ergebnis, in der Woche vor dem Gipfel in Sotschi standen die Zeichen auf maximale Eskalation: Russland und Assads Armee bombardierten Rebellen in Idlib, die Türkei lieferte ebenjenen Rebellen Waffen. Dass Russland – vorübergehend – einlenkte, liegt daran, dass es die Türkei braucht, wenn es in Syrien künftig "Ruhe" haben will. Ihre militärische Überlegenheit lässt die Russen zwar Schlachten gewinnen, garantiert jedoch keine Stabilität nach Kriegsende. Die Einigung soll aber auch eine Botschaft gen Europa senden: Wir schaffen nicht neue Flüchtlinge, sondern Fakten für die Nachkriegsordnung. Das Geld für den Wiederaufbau, so will es Russland, soll aus Europa kommen.