Das Theater ist in diesen Zeiten dazu aufgerufen, eine Doppelrolle zu spielen: Es muss zugleich gemütlich und ungemütlich sein. Auf der Bühne muss es zeigen, was, wenn Heiner Müller recht hat, allen menschlichen Verhältnissen zugrunde liegt: Konflikt. Und das, was daraus folgt, das Unglück, vielleicht auch die Komödie. In seinen Zuschauersälen und Foyers dagegen soll sich eine Utopie erfüllen: Zusammenhalt und Eintracht. Das Volk soll Erholung finden von dem Kampf, den es auf dem Weg zum Theater erlebt hat und den es, künstlerisch gesteigert, auf den Bühnen zu sehen bekommt.

An dieser Stelle muss das Badische Staatstheater Karlsruhe ins Spiel gebracht werden; es ist aus vielen Gründen bemerkenswert. Es ist erstens eines der größten Mehrspartentheater der Welt (mit 750 Festangestellten). Zweitens feiert es in dieser Saison seinen 300. Geburtstag. Drittens wird es, was der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann als eine "Jahrhundertentscheidung" bezeichnet, in den nächsten zehn Jahren im großen Stil umgebaut und erweitert.

Im Jubiläumsfestbuch des Theaters steht, wie es im neuen Gebäude einst werden wird: "Das von morgens bis in die Nacht geöffnete Theater bietet einen Rückzugsort vom belebten Theaterplatz. Es erweitert ihn nach innen und heißt die ganze Familie willkommen. Die ganze Stadt trifft sich im neuen Theater – in ihrem Wohnzimmer."

Was für eine herrliche Vision!

Das Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

Die Frage ist nur: Kann es dort, wo sich eine ganze Stadt trifft, gemütlich sein? Ist die Gesellschaft nicht derart gespalten, dass ein friedliches öffentliches Leben unmöglich ist? Wer sich die neue Saison des Schauspiels Frankfurt auf dem Papier ansieht, stellt sich zwangsläufig solche Fragen. Im Spielplan taucht ein Stück des erfolgreichen Autorenduos Lutz Hübner & Sarah Nemitz auf. Es hat den Titel Furor, wird am 2. November uraufgeführt und lässt zwei Deutsche von extrem gegensätzlichem Geist und Prestige aufeinanderprallen – einen aufsteigenden, dem linken Milieu zuzurechnenden Politiker und einen rechtsradikalen Lieferwagenfahrer, der sich vorgenommen hat, am Politiker ein Exempel zu statuieren: "Denn du stehst für das System, das dieses Volk verraten hat und dieses Land üblen Mächten ausliefert."

Was der Politiker so kontert: "Die Demokratie gibt dir die Chance, dein Leben auf eigene Rechnung zu versauen oder etwas daraus zu machen. Wenn du einen Vater Staat willst, der dir jeden Abend Gute Nacht sagt und dafür sorgt, dass du schön zugedeckt bist, wird er eines Nachts kommen, um dich im Schlaf zu erwürgen."

Der Rechtsradikale antwortet: "Was zählt, ist die Abschaffung des Feindes. Und der Feind sind die Eliten. Also Leute wie Sie. Bisher hat es in diesem Kampf noch keine Toten gegeben, aber es gibt eine Bereitschaft, Tote in Kauf zu nehmen."

Das Stück ist eher ein Zweikampf von Positionen als einer von Figuren – aber es hat Drang und Wucht: als würden zwei Milieus einander anbrüllen. Allmählich begreift man, dass der Nazi und der Politiker sich näher sind, als sie ahnen. In den Worten des Politikers: "Das heißt, dass der Gedanke, dass alles einfach zusammenbricht, langsam einen gewissen Reiz entfaltet."

Zusammenbruch – ein Stichwort, das uns leider dazu zwingt, kurz auf die schlechte Bausubstanz des Frankfurter Theaters hinzuweisen. Denn im Gegensatz zum Karlsruher Theater, das eine herrliche Zukunft als größtes Wohnzimmer seiner Stadt vor sich hat, steht das Frankfurter Gebäude eventuell vor dem Ende. Ob es saniert werden kann oder – mitsamt der benachbarten Oper – abgerissen werden muss, darum streitet man schon lange. Egal, wofür man sich am Ende entscheidet: die Sache wird teuer werden und den Theaterbetrieb empfindlich stören. Wo finden dann die Frankfurter ihr Wohnzimmer? Womöglich in einem Neubau am Rand der Stadt.

Sanierung? Spielstopp? Am Schauspielhaus Hamburg ist man schon einen Schritt weiter: Das größte deutsche Sprechtheater ist vom Frühjahr an renoviert worden. Ein Abriss stand nie zur Debatte, aber der Spielbetrieb war erheblich eingeschränkt. Am 19. Oktober wird zur Wiedereröffnung Shakespeares König Lear gezeigt – mit Edgar Selge, der als einsamer Held in Michel Houellebecqs Unterwerfung vom Hamburger Publikum seit Langem gefeiert wird, in der Titelrolle. Regie führt Karin Beier, die Intendantin des Hauses.

Das Doppelwesen des Theaters besteht darin, dass auf der Bühne Kampf herrscht, während in den Foyers Wohlgefühl angestrebt wird. Aber welche Stimmung herrscht eigentlich im entscheidenden, alles verbindenden Segment, im Ensemble? Harmonie unter Gleichgesinnten? Oder doch eher der Kleinkrieg der Geschlechter? Oder gar der Konkurrenzkampf der Rollenabhängigen?