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Mich erreichte ein Brief aus Silivri. Silivri ist das größte Gefängnis der Türkei, das Reich der Isolation, in dem auch ich einsaß, das Lager, ein Sammellager für Erdoğan-Dissidenten.

Absender ist Eren Erdem, der ehemalige Chefredakteur der Zeitung Karşı (Gegen) und Ex-CHP-Abgeordneter. Er zählt gerade einmal 32 Jahre, ist mit einer in Berlin lebenden Türkin verheiratet und hat einen in Berlin geborenen Sohn.

Als Parlamentsmitglied stieß Erdem zahlreiche Debatten an. Insbesondere als er Belege dafür veröffentlichte, dass die Regierung den IS-Terror duldet, zog er sich Erdoğans Zorn zu. Die Türkei habe radikal islamischen Organisationen in Syrien chemische Stoffe geliefert, die zur Herstellung von Sarin-Gas dienten, die Behörden hätten die Augen davor verschlossen, behauptete er. Die Medien lynchten ihn dafür, sodass er unter Polizeischutz gestellt werden musste, später bestätigten Gerichtsurteile seine These.

Als seine Partei ihn für die Wahlen vom 24. Juni 2018 nicht erneut aufstellte, wurde Erdem fünf Tage nach der Wahl verhaftet. Seit rund drei Monaten sitzt er in Isolationshaft in Silivri. Der Vorwurf gegen ihn, wie bei praktisch allen Erdoğan-Gegnern, lautet:

Unterstützung der Gülen-Organisation, die hinter dem Putschversuch vor zwei Jahren stecken soll. Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf die Aussage eines geheimen Zeugen. Dabei ist Erdem bekannt für sein Engagement gegen die Gülen-Organisation und erst Recht für seine neun Bücher zum Thema. Er stand bereits im Visier der Gülenisten, als die Regierung noch gemeinsame Sache mit ihnen machte, und kam auf ihr Betreiben hin vor Gericht.

Die Regierung, die jahrelang Justiz, Verwaltung, Bildungswesen und Polizei unter Gülens Obhut stellte, mit ihm gemeinsam das Land regierte und dafür vor Gericht gehört, bemüht sich stattdessen, ihre Schuld zu verschleiern, indem sie jene inhaftiert, die vor der Gülen-Gefahr warnten.

In seinem Brief aus dem Gefängnis verweist Erdem auf ebendiesen Widerspruch: "Jahrelang haben wir gegen Gülen gekämpft, jetzt versucht die einst mit ihm kooperierende Regierung, ihre Gegner unter dem Namen Kampf gegen Gülen zu vernichten."

Gegen Eren Erdem wurden Disziplinarermittlungen eingeleitet, weil er vor einem Monat an seine Zellenwand "Tod dem Faschismus, das Volk wird siegen" geschrieben hatte.

Auch Selahattin Demirtaş, der ehemalige Co-Vorsitzende der zweitgrößten Oppositionspartei HDP, acht Abgeordnete seiner Partei und der Abgeordnete der Oppositionsführerin CHP Enis Berberoğlu sitzen nach wie vor hinter Gittern.

Viele Dissidenten sind inhaftiert oder schweigen aus Angst vor Haft, da fällt Erdoğan das Regieren nicht schwer. Auch schämt er sich nicht, das von ihm regierte Land weiter als Demokratie hinzustellen.

"Ich habe dir Vögel ans Fenster geschickt, sind sie da?", schrieb Eren Erdem aus dem Gefängnis an seinen Sohn Ali, als dieser letzten Monat fünf wurde, und: "Lass dich von der Dunkelheit nicht täuschen, das sind nur die letzten Wolken vor der Sonne. Bald hat unsere Sehnsucht ein Ende."

Millionen Menschen in der Türkei hoffen darauf, dass sich diese Vermutung bewahrheitet.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe