Genau, so ist das. Das ist Ralf Gropplers Lieblingssatz. Vermutlich weiß Groppler das gar nicht, weil ihm der Satz im Laufe der Jahre zur Routine geworden ist, sich verselbstständigt hat in einem Maße, dass es so wirken muss, als wäre dieser Satz völlig normal. Und eigentlich ist dieser Satz ja auch völlig normal. Warum sollte das nicht so sein? Ein Satz, der am Ende einer langen Auflistung steht, ein Bestandsaufnahmesatz, danach kommt nicht mehr viel. Ein Satz, ruhig und seriös wie Groppler selbst, was in diesem speziellen Fall gut gefunden werden muss, denn erstens ist Groppler TÜV-Stationsleiter, ein Job, bei dem Ruhe und Seriosität helfen, und zweitens werden die Ruhigen und Seriösen in der Welt verdrängt von den Lauten und Irren, so scheint es derzeit zumindest.

Genau, so ist das, sagt Groppler, auch wenn er angeschrien wird, was zum Glück nicht oft passiert. Und wenn der Kunde jubelt, weil er ihm sagt, dass der – Achtung, Fachjargon – Personenkraftwagen mangelfrei durch die – Achtung, noch mal Fachjargon – HU, also Hauptuntersuchung gekommen sei, sagt Groppler auch: Genau, so ist das. Falls er dabei lacht, dann nach innen.

Groppler, 48, Leiter der TÜV-Station Norderstedt. Zuvor zehn Jahre Marine, Kfz-Mechaniker, Meister, diplomierter Ingenieur. In einem Dorf an der Grenze zu Dänemark geboren. Was macht man in einem Dorf, in dem man nichts machen kann? Man mechanikert. Bastelt. Kriegt als Kind das erste Mofa. Hat Benzin im Blut, sagt Groppler, so ist das. Und heute ist das so, dass zu ihm muss, wer auf deutschen Straßen fahren will. Heute ist er Richter, seltener mal Henker.

Nur 30 bis 33 Prozent der Wagen kriegen nicht im ersten Prüfgang die Plakette, wieder so eine präzise Zahl. Trotzdem schwelt da immer diese latente Furcht vor der Untersuchung, das Bangende, Abi-Prüfungs-Gefühl, alle zwei Jahre neu: Komme ich oder falle ich durch? Und wenn ich durchkomme: zu welchen Kosten? Beim TÜV wird der Erwachsene zum Kind. Ohnmachtslage, der Prüfer prüft, der Halter hält still und den Atem an. Dabei ist man ziemlich gut bedient, wenn man an einen Groppler gerät, der sagt: Durchfallen ist kein Beinbruch, und danach: Letztlich geht es um Verkehrssicherheit, um die eigene, klar, aber man will doch auch von Autos, die einem entgegenkommen, annehmen dürfen, dass sie sicher sind, oder? Groppler-Fragen beantworten sich oft von selbst, was auch daran liegt, dass Groppler oft recht hat, obwohl er kein Rechthaber ist. Vielmehr: Autorität durch Fachkompetenz, das ist eine Kausalität, wie Groppler sie mag.

Nun aber genug des Palavers, das zwar dazugehört beim TÜV, um den Kunden zu entspannen, sagt Groppler, aber jetzt muss er prüfen. Eine Dame hat ihren Opel Corsa vor die Prüfhalle gefahren, mit Termin natürlich, unangekündigt kommt keiner mehr. Ist vorbei, wie die Schlangen, die damals bis zum Geländezaun reichten, im Industriegebiet am Wittmoor, Grau hinter Grün, Sichtbetontristesse. Fünf Jahre alt der Corsa, die Besitzerin ist Endsiebzigerin und wartet an der Kaffeekanne. Groppler fährt an die Lichttestanlage, Kopf aus dem Fenster. Justiert, prüft, nickt. Eine mangelhafte Lichtanlage sei der häufigste Durchfallgrund. Jeder Handgriff Routine, aber eine, bei der man sich als Außenstehender, Nicht-Drehzahlaffiner, fragt: Wird die nicht mal langweilig? Groppler sagt, jeder Wagen sei anders, nebenan parke ein T1 aus Brasilien, den müsse man sich nur mal angucken, und vor einem Jahr sei ein Ferrari Enzo vorgefahren worden, Stückzahl 400 weltweit, da habe er ausblenden müssen, dass er gerade auf zwei Millionen Euro Sammlerwert sitzt.

Abgasprüfung. Koppler lässt den Motor brüllen. Keine Auffälligkeiten. Hatte er auch nicht erwartet. Auto-Tuner sind nicht Ende 70, und selbst mit den Tunern werde es weniger, weil die Hersteller individuelle Einstellungsmöglichkeiten in Masse anböten, sagt Groppler, im Blaumann, Kugelschreiber in der Brusttasche. Er ist mehr als ein Autoprüfer, er spürt Entwicklungen vor, weil er in das Leben der Menschen guckt, wenn er in ihre Autos guckt: Frauen bepacken ihr Auto anders, voller, chaotischer, sagt er, und nur weil er das sagt, klingt es nicht wie eine dumme Mario-Barth-Pointe. Männer dagegen: immer noch der fetischisierte Minimalismus, Auto als Körperfortsatz, verlängerte Persönlichkeit, sofern es eine gibt.

Aber selbst wenn die Autos neuer, jünger werden, werden ihre Halter älter. Senioren fahren heute häufiger Auto als früher, sie haben damit ihr Leben verbracht. Doch die als unverwüstlich geltende Liebe der Deutschen zum Auto, sie gilt für die Generationen um und unter 30 nicht mehr, die Generation Carsharing. So sieht Groppler das auch, eben weil er diese Generation nicht so oft sieht. Und manchmal passt ein Halter auch gar nicht zum Auto. Daraus macht er, der erst den Wagen und später den Fahrer sieht, sich einen Spaß: grübeln, wer da kommt. Dann kommt da ein Anzugträger, Haare alphabetisch geordnet, aber der Pkw sieht aus wie Woodstock 1969. Hat er alles gehabt, Groppler, der Menschenkennenlerner, darum längst auch Menschenkenner. Hamburg, das will er noch gesagt haben, ist übrigens die deutsche Porsche-Hauptstadt.

Eine halbe Stunde pro Wagen brauchen sie im Schnitt. Sieben Prüfer am Standort, 8 bis 17.30 Uhr, aber in Schichten, in 38,5-Stunden-Wochen, ganz solide. Weiter im Text für Groppler: im Katalog, denn natürlich ist katalogisiert, was geprüft gehört. Manchmal wird der Katalog angepasst, ergänzt um EU-Richtlinien, zuletzt zu Jahresbeginn, durch den Diesel-Skandal bedingt. Das meiste aber ist Prüferbibel. Groppler fährt den Corsa auf die Hebebühne, als ein Senior herbeimoinmoint und sich als Gatte der Halterin vorstellt. Ihm sei langweilig, erklärt er, also sagt Groppler: "Na, dann bleiben Sie doch einfach hier." Die Dame holt er sowieso dazu. Neun von zehn Haltern wollen bei der Untersuchung dabei sein, dürfen das auch, im Sinne der Transparenz, sagt Groppler. Wer die Schäden live gezeigt bekommt, akzeptiert am Ende streitlos das Urteil. Liebe ist, wenn der TÜV dir eine klebt – der Sticker ziert in der Halle die Wände, ist zwar Prüferhumor, aber trotzdem auch wahr. Wir wollen niemandem was Böses, sagt Groppler.

Letzte Blicke, mit dem Finger über den Unterboden, mit der Lampe in die Rohre. Radaufhängung. Traggelenke. Bremsscheiben. Achsenrostungsgrad. Kraftstoffzubringung. Sieht alles gut aus, sagt Groppler. Der Verbandskasten ist abgelaufen, aber das ist kein richtiger Mangel, nur ein Hinweis. Der Prüfer kratzt die überholte Plakette vom Nummernschild und klebt einen neuen, blauen Kreis auf. Ganz andächtig beschweigen die Dame und ihr Mann diesen Moment. Bis zum Herbst 2020.