Der Schriftsteller und Essayist Ulrich Schacht, der jetzt überraschend im Alter von 67 Jahren gestorben ist, hat das Glück gehabt, aus dem Unglück seines Lebens erschütternde und bleibende Bücher machen zu können. Er war ein streitbarer Geist, ein politischer Kopf, ein konservativer Christ. Mit ihm zu diskutieren war ungemütlich, aber es machte Spaß. Er besaß einen zähen Überlebenswillen, eine reizbare Empfindsamkeit und eine Leidenschaft für Poesie. Man findet sie in seinen Gedichten. Es sind wunderbare Hymnen auf die Landschaft Schwedens, wo er bis zuletzt lebte.

Die Geschichte seiner Herkunft kann man in seinem Buch Vereister Sommer (2011) nachlesen. Die Mutter, eine lebensfrohe junge Frau in Wismar, verliebt sich in einen sowjetischen Besatzungsoffizier und wird schwanger von ihm. Der Antrag auf Eheschließung wird abgelehnt. In ihrer Not heckt die Frau einen Fluchtplan aus, der auffliegt. Der Soldat wird strafversetzt, die Frau zu zehn Jahren "Besserungsarbeitslager" in der Festung Hoheneck im Erzgebirge verurteilt. Dort bringt sie Ulrich Schacht zur Welt. Das Baby wird ihr weggenommen und in ein Kinderheim der Volkspolizei gebracht, weil sich, so die Begründung, das Neugeborene im Unterschied zur Mutter nicht strafbar gemacht habe. Jedenfalls noch nicht, denn dass ein solcher Start wenig dazu geeignet ist, einen gehorsamen Staatsbürger der DDR hervorzubringen, liegt auf der Hand, und Ulrich Schacht ist das ja auch nicht geworden. Er studierte evangelische Theologie, wurde 1973 wegen "staatsfeindlicher Hetze" zu sieben Jahren Haft verurteilt und 1976 in die Bundesrepublik entlassen.

Vereister Sommer ist auch deshalb ein so bezwingendes Buch, weil es diese monströse Geschichte aus vielen Perspektiven erzählt. Das Hauptmotiv ist die Suche nach dem unbekannten Vater, und das Unwahrscheinliche gelingt: Er findet ihn, und dieser Roman eines Lebens endet mit einem Versöhnungsfest in Moskau.

Gäbe es die Gattung der Inselerzählung, so könnte man sagen: Die schönste hat Ulrich Schacht mit der Novelle Grimsey (2015) geschrieben. Der Erzähler schildert dieses nördlich von Island gelegene Inselchen mit den staunenden Augen eines Kindes und mit der Weisheit eines alten Mannes. Am Ende, als der Reisende sich der Brücke nähert, wo ihn das Schiff erwartet, sieht er einen Spielplatz, und er fragt sich, welche Spiele die ihm unbekannten Kinder von Grimsey wohl spielen. Vermutlich die kriegerischen Spiele, die er aus seiner eigenen Kindheit kennt. "Er konnte sich nicht daran erinnern, dass sie als Kinder jemals Frieden gespielt hätten. Er ist zu schwer, dachte er; zu kämpfen ist leichter. Wer kämpft, kann gewinnen, und wer verliert, hat immer noch das Ziel, für das er gekämpft hat. Frieden hatte kein Ziel, er war eins."