Jahrelang litt die Uni der Ex-Hauptstadt Bonn am Bedeutungsverlust. Bei der neuen Exzellenzstrategie könnte sie zu den großen Gewinnern zählen.

Das sei ja prima, schreibt der Pressesprecher per Mail. Ein Artikel über die Universität Bonn, über ihre Chancen im Elite-Wettbewerb deutscher Spitzenforschung? Gerne! Drei Tage später ruft er an. Zerknirscht. Der Rektor wolle sich vor dem 27. September lieber nicht öffentlich äußern. Auch keine andere Person aus der Führungsetage.

Man habe doch sicher Verständnis.

Ja, das hat man. Es geht schließlich um viel. Um die Zukunft einer der traditionsreichsten Universitäten des Landes.

Der Wettbewerb um die Fördermillionen für die besten deutschen Universitäten – die sogenannte Exzellenzstrategie von Bund und Ländern – hält nicht nur Bonn im Klammergriff, sondern auch 40 weitere Universitäten, die im K.-o.-Verfahren dieser Wettbewerbsrunde noch im Rennen sind; zwei Jahre dauert die Runde nun schon. 88 Anträge für Spitzenforschungsprojekte – die Exzellenzcluster – werden jetzt von Experten aus aller Welt begutachtet. Monatelang haben die Wissenschaftler an ihren Anträgen gefeilt. Haben den Forschungsstand abgesteckt, Thesen angespitzt, Visionen entworfen. Seitdem halten sie alle die Luft an. Rektoren, Professoren, Wissenschaftsminister.

Der 27. September wird der Tag sein, an dem die Luft entweicht. Vor Erleichterung bei jenen, die den Zuschlag bekommen. Vor Enttäuschung bei denen, die scheitern. Es geht um Geld, natürlich – 533 Millionen Euro pro Jahr lässt sich die Bundesregierung die Förderung der Spitzen-Unis kosten. Aber es geht auch um das Renommee und den weltweit sichtbaren Glanz akademischer Institutionen. Um den Elite-Stempel. Kaum eine Universität sehnt ihn so sehr herbei wie jene in Bonn.

Schon von außen behauptet sie, mehr zu sein als nur eine Universität. Königsgelb prunkt das um 1700 erbaute Schloss inmitten der Bonner Innenstadt. Seit Friedrich Wilhelm III. es 1818 der neu gegründeten Universität zuschlug, wohnen hier Fakultäten in Türmen. Stuck umrankt die hohen Decken. Majestätisch erstreckt sich davor die Hofgartenwiese in den öffentlichen Raum. Den 200. Jahrestag ihres Bestehens feiert die Uni in diesem Jahr, der Stolz auf die eigene Tradition sitzt in jedem Bücherregal. Nicht nur Karl Marx und Friedrich Nietzsche, Theodor Heuss, Joseph Ratzinger und Christian Lindner haben hier studiert. Man war auch: die Bundes-Uni, regierungsnah, buchstäblich. 1983 demonstrierten vor dem Schloss Hunderttausende gegen den Nato-Doppelbeschluss. Auch die Vorlesungspulte waren immer nahe an der politischen Macht. Es konnte passieren, dass Professoren einen Anruf bekamen: "Können Sie gleich mal ins Kanzleramt kommen?" Wer hier lehrte, war politisiert. Wer hier studierte, suchte nach der Nähe der Politik. Einflussreich, forschungsstark, so war das Selbstbild der Universität.

Doch dann kam der Regierungsumzug nach Berlin. Ein Schock für die Stadt und die Uni. Der Glanz verblasste in den darauffolgenden Jahren.

Mehrfach bewarb sich die Uni vergeblich um den Titel Exzellenzuniversität, der erstmals 2006 vergeben wurde. Zum Verdruss der Bonner schaffte es dann die Universität zu Köln gleich nebenan – ein Riesentanker, die größte Hochschule des Landes. Köln errang die Exzellenzkrone 2012 scheinbar mühelos; ins Selbstbild der Bonner passte das nicht.

Doch diesmal könnte alles anders werden. Könnte die Universität ihr Trauma abschütteln. Sie hat den Traum, nicht nur eine ehrgeizige Forschungsuniversität ersten Ranges zu sein, sondern dies endlich auch vor aller Augen bescheinigt zu bekommen. Einen Vorerfolg gibt es schon. Bei der Vorauswahl des Exzellenzwettbewerbs im vergangenen Jahr wurden mehr als die Hälfte aller Bewerbungsskizzen ausgesiebt. Keine andere Universität aber brachte so viele Clusteranträge durch wie die Bonner – und keine hatte eine so gute Erfolgsquote. An sieben der 88 Cluster-Anträge ist die Universität beteiligt, nur eine einzige Skizze flog vorzeitig raus. Ein sensationell gutes Ergebnis, das überall mit Anerkennung quittiert wurde.

Ihren Aufstieg hat die Universität Bonn auch einer Neuausrichtung zu verdanken. Machten früher die Geisteswissenschaften den Kern der Universität aus, stehen nun die Naturwissenschaften und die Mathematik im Vordergrund. In den Exzellenz-Anträgen geht es um Quantenphysik, Digitalisierung und Robotik oder um die Frage, wie komplexe Systeme entstehen, von Elementarteilchen über Neuronen bis hin zu ganzen Sternen. Biologen, Mediziner und Mathematiker wollen die Lernprozesse des Immunsystems verstehen. Das Hausdorff Center for Mathematics will die mathematischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts identifizieren und angehen.