Diese Newcomerin erinnert ein bisschen an Jennifer Lawrence in Die Tribute von Panem. Als 18-jährige Kaja ist Andrea Berntzen das Gesicht von Utøya 22. Juli – ein Mädchen auf der Flucht vor einem Killer. Kaja hat furchtbare Angst, ist aber umsichtig; sie könnte davonkommen. Wird sie? Dass man den Film "spoilern" kann wie eine Netflix-Serie, ist schon eines seiner Probleme.

Am 22. Juli 2011 hat der Rechtsextremist Anders Behring Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen ermordet und 99 verletzt, zumeist Kinder und Jugendliche, die an einem Sommercamp der sozialdemokratischen Arbeiterpartei teilnahmen. Für Norwegen war das Massaker traumatisch, die Hinterbliebenen trauern noch immer. Die Psyche und die möglichen "Beweggründe" des Täters, der 2012 zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt wurde, sind ausführlich analysiert worden. Klaus Theweleit etwa hat in Das Lachen der Täter: Breivik u. a. beschrieben, wie sich die in gängigen politischen Kategorien nicht fassbare Tötungswut von Massenmördern seit dem Faschismus konstituiert – und wie sie nach Sichtbarkeit, nach Anerkennung drängt. Heute scheint es ein Bedürfnis nach einer Erweiterung der Perspektive zu geben, allerdings nicht dokumentarisch, wie man es vielleicht erwarten könnte, sondern im Spielfilm. In Venedig lief gerade der Film 22. Juli von Paul Greengrass, demnächst bei Netflix. Aktuell kommt Utøya 22. Juli ins Kino, inszeniert von dem Norweger Erik Poppe, der den Fokus dezidiert auf das Erleben der Opfer während der Tat legt.

Das Anliegen mag verständlich sein, und falls der Film den Angehörigen der Ermordeten in irgendeiner Weise hilft, muss man das respektieren. Was der unbeteiligte Zuschauer mit Utøya 22. Juli anfangen kann, ist eine andere Frage. Tatsächlich erfährt man über die Jugendlichen mit ihren persönlichen Geschichten, die Breivik zur "Opfergruppe" gemacht hat, so gut wie nichts. Das liegt an der dubiosen Form des Films, der im Wesentlichen aus einer einzigen Einstellung besteht – nur am Anfang erinnern dokumentarische Aufnahmen an das von Breivik kurz zuvor verübte Bombenattentat im Zentrum von Oslo, bei dem acht Menschen starben. Mehr als 70 Minuten lang, in "Echtzeit", von den ersten Schüssen, die sich die Jugendlichen nicht erklären können, bis zur Ankunft der Retter, folgt die Kamera der Heldin: ins verlassene Camp auf der Suche nach ihrer jüngeren Schwester, durch den Wald zum Strand, wo sich viele panisch ins Wasser gestürzt haben.

Der One-Take-Film ohne Schnitt suggeriert Unmittelbarkeit und Authentizität: Alles passiert hier und jetzt! Als ob es nicht in der Entscheidung der Filmemacher läge, dass dieses und nicht jenes auf der Leinwand zu sehen ist. In der Herstellung allerdings erfordert eine solche Arbeitsweise Präzision und eine aufwendige Logistik. Und so haben One-Take-Filme paradoxerweise immer auch etwas Virtuoses. In fiktiven Produktionen wie Birdman oder Victoria, die das Verfahren modisch gemacht haben, kann das funktionieren; da staunt man gern, wie die Dialoge und Gänge aufeinander abgestimmt sind. In Utøya 22. Juli wirkt es fatal.

Die Details mögen belegt sein – Poppes Team hat recherchiert, Zeugen befragt –, aber so, wie sie im Film um die Hauptfigur herum arrangiert sind, geben sie dem Chaos eine Ordnung, erzeugen sie eine konventionelle Spannungsdramaturgie. Genau in dem Moment, in dem ein tödlich angeschossenes Mädchen in Kajas Armen den letzten Atemzug getan hat, erscheint auf dem Schirm seines Handys eine Anrufmeldung: die Mutter. Eine entlastende introspektive Szene zwischen Kaja und einem jungen Mann, mit dem sich im Camp etwas angebahnt hat, steht genau da, wo sie auch im Western oder Kriegsfilm stehen würde: in der Ruhe vor dem Knall. Breivik in seiner Polizeiuniform ist nur kurz und schemenhaft zu sehen, wie der Schlitzer im Horrorfilm; das macht ihn eher dämonisch, als dass es ihn entzauberte. Und so bereitet der Film (übrigens bei uns ab zwölf Jahren, das heisst ab sechs in Begleitung der Sorgeberechtigten freigegeben) vielleicht nicht dem Mörder, aber seiner furchtbar effizienten, auf größtmögliche Wirkung angelegten Tat dann doch eine Bühne – in einer handwerklich "gekonnten" Inszenierung des Schreckens.