In vier Stadtvierteln Shanghais lässt die Polizei bei Fahndungen bereits probeweise Gesichtserkennungsdrohnen ausschwärmen: Dazu gleichen die fliegenden Kameras nicht nur die Gesichtszüge von Passanten mit Fotos von Straftätern ab. "Unsere Drohnen schätzen auch mit über neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit Geschlecht, Alter und Gewicht korrekt ein", sagt die junge Frau am Vorführbildschirm.

Auch in der Altenpflege experimentiert Shanghai mit neuen IT-Systemen: Seit Anfang April erfassen im Stadtteil Jing’an örtliche Hygienestationen die Gesundheit von Zehntausenden Rentnern. Daten von Body-Mass-Index, Blutbild, Atemfrequenz und Schlafgewohnheiten landen in einer zentralen Datenbank. Die Probanden tragen rund um die Uhr Smartwatches, die jede Veränderung melden; in ihren Wohnungen sind zudem Bewegungssensoren, Rauchmelder und Messgeräte installiert, die Anomalien an Angehörige oder Pfleger melden, etwa wenn das Wasser aus dem Küchenbecken überschwappt oder die 80-Jährige seit einer Stunde die Toilette nicht verlassen hat.

Zur Zusammenführung aller Informationen hat Shanghai ein Datenaustauschzentrum eingerichtet. In einem zentralen Monitorraum, so der Plan, werden Beamte demnächst alles, was in der Stadt passiert, ohne Zeitverzögerung in den Blick nehmen können: von den aktuellen Schadstoffwerten in den Flüssen über den Containerstau am Hafen bis hin zu detaillierten Anzeigen, wie voll die Mülltonnen an einzelnen Straßenecken sind.

Sieht so die schöne neue Welt aus? In Sachen Forschung, Hardware und Kommerzialisierung liegt China laut einer Oxford-Studie noch hinter den USA zurück. Bei den Investitionen hat China dem Marktanalyseunternehmen CB Insights zufolge jedoch die Nase vorn: Demnach zog China 2017 schon 48 Prozent aller weltweiten Investitionen im Bereich der künstlichen Intelligenz an, 38 Prozent der Gelder gingen in die USA. Europa fällt irgendwo mit dem Rest der Welt in die Kategorie "ferner liefen".

Wie wichtig China inzwischen ist, zeigt das Silicon Valley auf der Shanghaier Konferenz nicht nur mit geballter Präsenz, sondern auch mit vollmundigen Kooperationsankündigungen: Microsoft und Amazon wollen neue Entwicklungszentren in Shanghai gründen. Sensetime, chinesischer Hersteller von Technologie zur Gesichtserkennung und derzeit das wertvollste KI-Start-up der Welt, arbeitet seit Anfang des Jahres mit dem Massachusetts Institute of Technology zusammen.

Googles KI-Chef wiederum wird dem Beirat der Pekinger Elite-Uni Tsinghua beitreten, inzwischen eine der besten Universitäten weltweit für Computerwissenschaften. Apropos: Dass Google Großes vorhat in China, daran kann nach dem Auftritt des Konzerns in Shanghai kaum noch Zweifel bestehen. Google-Vizepräsident Jay Yagnik darf am Montag noch vor Baidu-CEO Robin Li auf die Bühne, eine protokollarisch durchaus interessante Note. Sensetime-CEO Tang Xiao’ou heißt ihn mit dem Ausspruch willkommen: "Hey Google, let’s make humanity great again". Die Kalifornier haben neben Tencent als einziges Unternehmen einen eigenen Themenpavillon auf dem Konferenzgelände.

Die Volksrepublik hat den Markt, das Silicon Valley noch die klügsten Köpfe

Auf politischer Ebene mag der Wettkampf zwischen Peking und Washington um die künftige KI-Dominanz mit Kalter-Krieg-Rhetorik ausgefochten werden. Im praktischen Alltag der Konzerne und in der Forschung wirkt das Verhältnis zwischen China und USA dagegen eher wie ein reges, symbiotisches Hin und Her. Die Volksrepublik hat den Markt, Silicon Valley (noch) die klügsten Köpfe, weswegen chinesische Start-ups auch den umgekehrten Weg gehen und Dependancen an der amerikanischen Ostküste gründen. Ein Großteil der prominentesten KI-Forscher Chinas haben an Ivy-League-Universitäten studiert. Viele der größten Talente des Fachs pendeln frei zwischen den Hochschulen und Unternehmen beider Länder.

Bezeichnend für die Shanghaier Weltkonferenz ist, dass Europa in dieser Welt kaum mehr vorkommt: Die Redner im Programm sind nahezu allesamt Chinesen, US-Amerikaner oder heißen Swami Sivasubramanian wie der Vizechef des Amazon-Cloud-Service. Auf Unternehmensseite ist aus Europa allein SAP vertreten – mit ihrem einheimischen Leiter des China-Büros. Und als am Montag eine neue internationale Forschungsallianz zur Entwicklung von KI bekannt gegeben wird, sind chinesische Elite-Universitäten wie Tsinghua und Fudan dabei, das MIT sowie Hochschulen aus Singapur und Australien – aber keine einzige europäische Universität.

Diese Abwesenheit spreche Bände, sagt André Loesekrug-Pietri. Der Deutschfranzose ist Gründer von JEDI, einer Initiative, die er und andere Unternehmer ins Leben gerufen haben, um Europas KI-Entwicklung aus den Kinderschuhen zu helfen. "Wir Europäer predigen dem Rest der Welt den ethischen Umgang mit Technologie", sagt er. Aber während andere handelten, seien die Europäer nicht da. Er warnt: "Europa unterschätzt nicht nur die Dimension der Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz. Wir unterschätzen vor allem ihre Geschwindigkeit."