Im knatterkalten Winter 1996 reporterte ich durch Brandenburg. Die Volksabstimmung zur Länderfusion mit Berlin nahte. Ein volksfreudiges Ja galt meinen West-Kollegen als gewiss. Ich suchte es vergebens. Notat vom 7. Februar: "Schnee, minus 20 Grad. Die Brandenburger sind rabiat gegen die Länderehe, doch bis zum 5. Mai wird die Propaganda sie schon noch umgeworfen haben. Der frühschoppende Bieranstecher Stolpe reist durchs Land. Furchtbar inzwischen auch Regine Hildebrandt, rein populistischer Pausenclown."

So kam ich nach Perleberg, erstmals seit 33 Jahren. Die schnuckelige Kleinbahn Pollo war stillgelegt, doch der Roland bewachte standhaft den Markt. Nahebei warb das Hotel Deutscher Kaiser um Einkehr: "Fürstlich wohnen an der Stepenitz". Als Anti-Wilhelmist und Harzer Waldfreund wollte ich nicht fürstlich, sondern forstlich residieren. Das Forsthaus Hubertus schien perfekt: Blick in den verschneiten Tann, am Haus ein Wildtierpark, Wildgulasch auf der Speisekarte, zudem ein exotischer Wein – Werderaner Wachtelberg. Robusten Zechern ist das Havelstädtchen Werder ein Begriff. Seit 1879 wird dort das Baumblütenfest gefeiert. Anfang Mai entfliehen Hunderttausende Berliner der steinherzigen Metropole und laben sich im weißen Meer der Kirsch- und Apfelblüte. Die Einheimischen öffnen ihre Gärten und bieten Kaffee, Kuchen und die edlen Werderaner Obstweine. Der Kenner schluckt sie ungekühlt aus Literflaschen (Plaste). Wenn, wie neuerdings bereits im Frühling Brauch, Temperaturen nahe dem Siedepunkt herrschen, ist die Wirkung eine starke.

Zurück zum Winter 1996, ins Forsthaus Hubertus. Ich fragte: Werderaner Wachtelberg – welche Rebsorte ist denn das? Erdbeere? Rhabarber?

Müller-Thurgau. Vom einzigen Weinberg in ganz Brandenburg.

Die Flasche erschien. Auf dem Etikett prangte der rote Adler, darunter Werder: Heilig-Geist-Kirche, Windmühle, Havelstrom. Ich trank an und wurde begeistert. Mir mundete ein Bukett des Landes Brandenburg: der herbe Schmelz von Prignitz und Uckermark, die milde Säure ihrer Bewohner, der kernige Abgang des Märkers, der, wie der sandige Boden, leicht erwärmbar ist, zumindest nach erfolgreichem Genuss von Werderaner Weinen. Da erblickte ich den Vermerk "Qualitätswein Saale/Unstrut, Abfüller Landesweingut Naumburg". Ich bin in Brandenburg geboren und in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Daher kann ich Werder und Naumburg unterscheiden, ebenso Havel von Saale. In Sangerhausen gab es einst die Mammut-Brauerei ("Mammut-Bräu, das Unerreichte, dreie trinkste, viere seichste"). Nach der Wende kaufte ein West-Konzern die Marke, schloss die Brauerei, verhökerte Frankfurter Plörre als Mammut-Bräu: "Ein Bier aus der Mitte Deutschlands". Mit mir nicht! Bedienung!

War’s bekömmlich, der Herr? Noch ein Fläschchen?

Beschiss! Kuckense, das Etikett! Das ist kein Brandenburger Wein!

Aber ja doch. In Werder haben sie bloß keine Kelter. Die Ernte ist so klein, die wird nach Naumburg gebracht und dort verwertet.

Brandenburg und Sachsen-Anhalt: meine Länderfusion! Ich fühlte mich verpflichtet zu weiterem Trunk. Später machte ich mich kundig. Erst 1987 wurden in Werder Weinreben gesetzt. Die erste Lese ergab 342 Kilogramm Trauben, ergo 274 Flaschen Wein. Nach der Wende drohte dem Wachtelberg das Deutsche Weinrecht, also Rodung. 1991 begnadigte die Landes-Lehr- und Versuchsanstalt für Landwirtschaft, Weinbau und Gartenbau Bad Kreuznach das westsibirische Unikum mit dem Prädikat "erhaltenswert". Vermutlich lachten sich die rheinland-pfälzischen Bacchanten scheckig. Das dürfte sich bald ändern, dank des Klimawandels. Weinstöcke mögen Hitze. Wo im ostdeutschen Höllensommer 2018 noch Mais und Korn verdorrten, werden sich Reb-Auen breiten. Ganz Deutschland wird kosten und entscheiden: Elbling statt Moselwein! Nicht Riesling – Rüganer! Ich aber, ob Brandenburger oder Anhaltiner, gehöre zu einem Winzervolk. Jawoll, noch ein Fläschchen!