Immer häufiger, wenn in deutschen Gerichten ein Urteil gesprochen wird, sitzen Firmen im Saal, für die jedes Urteil gutes Geld bedeutet. Weil es ohne verständige Gutachten kein Urteil gibt. Und weil viele Gerichte überfordert sind, personell und technisch. Und weil Menschen wie Bodo Meseke dafür eine Lösung anbieten. Der Staat kommt nicht zurecht, Private springen ein.

Meseke, Partner bei der früher als Ernst & Young bekannten Gesellschaft EY, wollte schon als Kind Polizist werden. Tatsächlich arbeitete er zunächst beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden, studierte Verwaltungswissenschaften und engagierte sich im Bereich der Datenträgerauswertung, IT-Forensik und Internetkriminalität. Kurz: Er kannte sich aus mit Straftaten, die irgendetwas mit Computern zu tun hatten. "Dass das Thema damals gerade aufkam, war ein Glücksfall für mich, weil man als Berufsanfänger schnell bekannt wurde", sagt Meseke. Im Jahr 2000 verließ er den Polizeidienst und gründete mehrere Firmen im Bereich IT-Forensik. Sein Schwerpunkt: die Aufklärung von Verbrechen oder Missbrauch von Daten.

Algorithmen können Bilanzen bald besser prüfen als Menschen

Zuletzt war Meseke Geschäftsführer von zwei Firmen: einem Serviceanbieter für Konzerne, die den Verdacht hatten, betrogen oder ausspioniert worden zu sein; und einem Dienstleister für hochspezialisierte Aufträge von Staatsanwaltschaften und Kriminalämtern – für Fälle, die über die Kompetenzen der Ämter hinausgingen. Die erste Firma erwarb EY im Jahr 2012, mit allen Fällen und Kunden; Meseke wurde Partner im heutigen Bereich "Forensic and Integrity Services" bei EY.

EY ist nicht die einzige Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die plötzlich ganz viele neue Dinge tut. Die Bezeichnung "Wirtschaftsprüfer" ist für viele dieser Unternehmen nur noch halb richtig. Denn ein großer Teil ihrer Umsätze kommt nicht mehr aus dem Prüfen von Bilanzen, sondern aus dem Neugeschäft, das in den vergangenen Jahren hinzugekommen ist. Insbesondere die vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – die sogenannten Big Four: Deloitte, KPMG, EY und der deutsche Marktführer PwC – beraten Unternehmen zunehmend strategisch oder vor Gericht, sie entwerfen Werbekonzepte und helfen bei Fusionen. Sie haben immer neue Firmen hinzugekauft: zum Beispiel Company-Builder, die Start-ups entwickeln, Digitalagenturen, die multimediale Storys erzählen können, Uni-Ausgründungen, die sich mit künstlicher Intelligenz befassen.

"Mit Wirtschaftsprüfung kann man nicht mehr groß wachsen."
Andreas Klasen, früher Partner bei PwC

Für eine Branche, in der Bedächtigkeit und Sorgfalt oft wichtiger waren als Trends und schnelle Veränderungen, ist das geradezu ein Kulturschock. Jahrzehntelang arbeiteten die Wirtschaftsprüfer mit Zahlenkolonnen, grundsolide war das, manche sagten langweilig. Nun beschäftigen sie Leute, die man bislang eher im Start-up-Milieu vermutet hätte. "Das sind schon sehr unterschiedliche Kulturen", sagt Andreas Klasen, früher Partner bei PwC, heute Professor an der Hochschule Offenburg. "Aber mit Wirtschaftsprüfung kann man nicht mehr groß wachsen." Das klassische Prüfen, sagt Klasen, sei durch die Digitalisierung stark bedroht, weil Algorithmen Fehler in Bilanzen künftig schneller auffinden als Menschen. Mit der strategischen Beratung von Unternehmen, für die bislang etwa McKinsey oder Boston Consulting bekannt sind, ließen sich dagegen höhere Tagessätze erzielen als mit dem klassischen Geschäft. Für neue Themen kaufe man sich Kompetenzen und Umsatz hinzu – "dann hat man eine Nische, die man besetzt", so Klasen.