Wie umgehen mit einer Partei, die im Bundestag inzwischen die Oppositionsführung innehat und deren Werte sich in weiten Teilen mit der christlichen Ethik nicht vereinbaren lassen? Lädt man sie aus, um damit ein moralisches Zeichen zu setzen, unterstützt man deren Opferinszenierung. Bittet man sie zum Gespräch, erntet man die Empörung derer, die fordern, Fremdenfeindlichkeit und Demokratieverachtung dürften nicht auch noch ein Podium geboten werden. Ein Dilemma, das nach grundsätzlicher Klärung verlangt. Diese Klärung ist aber wiederum von vielen tagesabhängigen Opportunitäten bestimmt, von denen sich auch die Kirchen nicht gänzlich frei machen können.

Beim 100. Deutschen Katholikentag, der vom 25. bis zum 29. Mai 2016 in Leipzig stattfand, hatte das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) die AfD nicht eingeladen. Zentrale Themen des Katholikentages waren Migration und der Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland und Europa. Es war die Blütezeit der Willkommenskultur, die AfD trug diese Politik nicht mit. Da die Veranstalter "den Rechtspopulisten keine Plattform bieten" wollten, blieben Parteienverteter der AfD außen vor. Das Medienecho war gewaltig. In Christ&Welt erschien ein Streitgespräch mit Alexander Gauland und dem Vorsitzenden des ZdK, Thomas Sternberg. Letzterer zeigte sich über die öffentliche Empörung überrascht, während der AfD-Vorsitzende frohlockte, diese Entscheidung des Ausschlusses habe ihm eher Wähler zugetrieben.

Diesen Fehler wiederholen wollten die Protestanten nicht. Beim 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin und Wittenberg (24. bis 28. Mai 2017) hieß es, AfD-Vertreter seien willkommen, wenn sie sich nicht vorher mit fremdenfeindlichen Reden in der Öffentlichkeit exponiert hätten. Die Vorsitzende der "Christen in der AfD", Anette Schultner, durfte aufs Podium. Inzwischen hat sie die Partei verlassen. In einem Interview mit Christ&Welt klärte Margot Käßmann, wie sie es mit der AfD zu halten gedenkt: "Ich bin eigentlich dafür, sich mit der AfD offen auseinanderzusetzen." Wenn jemand mit seinen Worten die Menschenwürde verletze, wie etwa Alexander Gauland, dann seien die Grenzen überschritten.

Beim Katholikentag in Münster 2018 vollführte dann das ZdK die Kehrtwende: Thomas Sternberg plädierte nun für eine Mitwirkung der AfD. Nun durfte der kirchenpolitische Vertreter der AfD-Fraktion, Volker Münz, am 12. Mai mitdiskutieren zu der Frage: "Sag, wie hältst du’s mit der Religion?" Im Interview mit dieser Zeitung verteidigte Sternberg die Entscheidung mit den Worten: "Intern waren wir immer einig, dass uns die Menschen, die diese Partei wählen, wichtig sind, die Partei selber nicht." Im Februar 2018 äußerte sich der ZdK-Vorsitzende in der Tageszeitung "Neue Westfälische", dass er einen Beschluss der katholischen Kirche zur Abgrenzung von der Partei AfD für sinnvoll halte.

2016 raus, 2018 rein – dieser Schlingerkurs ist keine katholische Spezialität. Die Evangelische Kirche in Deutschland macht es gerade umgekehrt. Anders als bei der Vorgängerveranstaltung in Berlin/Wittenberg soll beim Kirchentag zu Dortmund 2019 kein offizieller Vertreter der AfD mehr auf einem Podium auftreten dürfen. Wie es die Katholiken und Protestanten wohl beim Ökumenischen Kirchentag 2021 halten?