In diesen Tagen sollte man keine Großstadtkolumne schreiben, sondern den Hambacher Forst und das seiner Verteidigung geschuldete Todesopfer betrauern. Steffen M. wird gewusst haben, dass solche urtümlichen Wälder selten geworden sind. Man merkt es nicht, weil die Nadelbaumplantagen, an denen Zug und Auto vorbeirauschen, am Saum oft noch mit Mischwald bestückt sind. Aber das ist nur Deko. Im Innern herrscht Monotonie.

Wer kein brandgefährliches Baumhaus im Rheinland bauen möchte, sollte in E. M. Forsters 109 Jahre alte Science-Fiction-Story Die Maschine steht still hineinsehen. Dort ist die Erde verödet, "die Wälder wurden in der Literaturepoche zum Zwecke der Erzeugung von Zeitungspapier zerstört". Die Maschine hat die Menschen unter der Erde einquartiert. Das Mobiliar der Einzelzellen ist genormt, die Luftzufuhr reguliert. Sprech-, Nahrungs-, Medizin- und Musik-Röhren, sogenannte tubes, erfüllen jedes Bedürfnis auf Knopfdruck. "Unter den Meeren und Bergen liefen Kabel, dank derer sie sahen und hörten." Die Menschheit lebt unter verschärften Facebook-, FaceTime-, iTunes- und Amazon-Bedingungen. Virtuelle Vorträge geben Einblick in eine frühe Zivilisation, die "sich in der Funktion des Systems geirrt und es dazu benutzt hatte, die Menschen zu den Dingen statt die Dinge zu den Menschen zu bringen". Wie in den Talentschmieden von Silicon Valley werden keine materiellen Produkte, sondern nur mehr Ideen produziert. Sie sind die heiße Währung in den virtuellen Gesprächszirkeln. Der Zweck der Existenz ist die "Entfaltung der Seele" – IT-Philosoph Ray Kurzweil würde dafür "Hirn" einsetzen.

Liegt es an den diversen "Tubes", die uns in Atem halten, dass die Rodung des Hambacher Forstes keine Menschenketten mobilisiert wie einst die Anti-Atomkraft-Bewegung? Stattdessen überlassen wir es einem entsprechend erbosten Grüppchen von Idealisten und Radikalen, dieses Relikt eines 1000 Jahre alten Ökosystems aktiv in Schutz zu nehmen. Warten wir wie Macbeth darauf, dass der Wald zu uns in die Stadt kommt, oder hat die überwiegende Passivität am Ende mit der Ahnung zu tun, dass das Verschwinden des nordrhein-westfälischen Wunderwalds auch eine Konsequenz des Atomausstiegs ist? Es sieht so aus, als könne sich Deutschland seine Wälder schlicht nicht mehr leisten. Die Energie, die in Berlin aus der Steckdose kommt, wird nun zu guten Teilen weiter und wieder auf alte Art gewonnen, durch Bergbau und Gehölzverbrennung.

Im Berliner Wedding herrscht eine Diversität, von der man in Wald und Flur nur noch träumen kann. Wer der U-Bahn entsteigt, wähnt sich in den Orient versetzt. Wie auf einem Basar stehen die Türen der voll verglasten Geschäfte offen bis tief in die Nacht. Drinnen alibabahaft gehäufte Waren, Süßigkeitspyramiden und mittig zusammengerückte Bierkistenstapel, aus denen die Flaschen in Sträußen griffbereit hervorragen. Teppiche werden ad infinitum gestapelt, Wasserpfeifen reihenweise ins Fenster gestellt. In diesem fidelen Konsumtrubel sind Ökonomie und Fülle kein Gegensatz. Alles blüht in der Enge. Am Rande des multikulturellen Ökosystems liegt ein Lokal an der Panke, das Studierende und Kreative frequentieren. Aus Restholz und ausrangierten Fenstern ist es wie ein Baumhaus zu ebener Erde konstruiert. Sogar ein alter Schulbus wurde im Innenhof für Gäste flottgemacht. Der Hambacher Forst hat den Marschbefehl gehört und ist im Wedding untergekommen. Dort verläuft sich seine Lebensader, denn hier findet das subversive Gemüt von WLAN bis zum Snickers-Riegel alles, was es zum Glücklichsein braucht.

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