DIE ZEIT: Herr Birken, nachdem deutsche Wirtschaftsführer lange geschwiegen haben, warnen Sie und andere neuerdings vor dem Rechtsradikalismus im Land. Warum erst jetzt?

Alexander Birken: Wir haben schon früher auf Gewalt von rechts oder links aufmerksam gemacht. Mir ist wichtig, auf die enorme Unterströmung in der Gesellschaft hinzuweisen, die der extremen Rechten Zulauf verschafft. Als Unternehmen haben wir eine Verantwortung, uns aktiver in den gesellschaftlichen Dialog einzubringen.

"In der Bevölkerung gibt es offenbar diffuse Ängste vor Besitzstandsverlusten."
Alexander Birken, Chef der Otto-Gruppe

ZEIT: Spüren Sie den Rechtsruck auch innerhalb Ihres Unternehmens?

Birken: Nein. In der Otto-Gruppe arbeiten mehr als 100 Nationen und Ethnien zusammen. Ich kann mich an keinen einzigen rechts- oder auch linksradikalen Vorfall erinnern.

ZEIT: Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für den Zulauf bei den extremen Rechten?

Birken: In der Bevölkerung gibt es offenbar diffuse Ängste vor Besitzstandsverlusten. Einerseits wird das der Globalisierung angelastet, zu der ja auch die Migration gehört. Andererseits fragen sich viele Menschen, was im Zuge der Digitalisierung auf sie zukommt. Das darf man nicht kleinreden.

ZEIT: Ältere Studien erwarteten große Jobverluste durch die Digitalisierung, neuere prognostizieren eher zusätzliche Jobs. Was denken Sie?

Birken: Ich erwarte weniger ein zahlenmäßiges Problem als ein soziales: Viele Jobs wird es nicht mehr geben, neue werden entstehen, aber es wird nicht genug für Qualifikation und Weiterbildung getan. Deutschland hinkt anderen Ländern hinterher.

ZEIT: Hat das Land denn die richtige Antwort auf Migration, also Wirtschaftsmigranten und Flüchtlinge?

Birken: Es wird viel unternommen, aber ein wachsender Teil der Bevölkerung traut der Politik nicht zu, dass sie das Richtige für das Land tut. Einfache Antworten helfen eben nicht. Fest steht nur, dass wir den Zuzug von gut ausgebildeten Menschen aus dem Ausland brauchen. Das Flüchtlingsthema in seiner Polarisierung halte ich demgegenüber für politisch und medial überzogen.

"Wir bei der Otto-Gruppe betrachten uns als Teil der Gesellschaft und übernehmen selbstverständlich Verantwortung über das Unternehmen hinaus."

ZEIT: Manager genießen wenig Vertrauen in der Bevölkerung. Haben die Chefs der Großunternehmen zu lange zu politischen Themen geschwiegen?

Birken: In den vergangenen Jahren haben wir die Finanzkrise erlebt, die Paradise Papers über weltweite Steuerflucht und zuletzt Dieselgate. Das hat Vertrauen in die gesamte Wirtschaft gekostet, obwohl es von ein paar schwarzen Schafen verursacht wurde. Jetzt müssen wir uns dieses Vertrauen wieder erarbeiten. Das geht nicht durch schöne Reden, sondern durch die richtige Haltung.

ZEIT: Wann haben Sie persönlich gemerkt, dass es jetzt drauf ankommt?

Birken: Anfang des Jahres saß ich mit dem amerikanischen Bestsellerautor Andrew McAfee auf einem Podium. Er war fest davon überzeugt, dass Unternehmen keine über das Geschäft hinausgehende gesellschaftliche Verantwortung haben. Mich hat das sehr betroffen gemacht. Ich habe begriffen, dass Europäer ein anderes Werteverständnis haben als US-Amerikaner. Wir bei der Otto-Gruppe betrachten uns als Teil der Gesellschaft und übernehmen selbstverständlich Verantwortung über das Unternehmen hinaus.

ZEIT: Ist das europäische Wertesystem ein Nachteil oder ein Vorteil im globalen Wettbewerb?

Birken: Es ist eine große Chance. Der europäische Wertekanon hat viel mit der sozialen Marktwirtschaft zu tun. Freiheit, Verantwortung, Vielfalt. Und die müssen wir für das digitale Zeitalter neu definieren. Bei den Amerikanern kommt zuerst die Freiheit und erst später die Frage nach der Verantwortung. Bei uns in Europa versuchen wir, beides zusammenzubringen.