Politische Macht sieht man nur dann, wenn sie sich bewegt: Wenn sie kommt. Wenn sie ausgeübt wird. Und wenn sie verschwindet. In diesem Sinne war der Machtverlust Angela Merkels am Dienstag dieser Woche in Großaufnahme zu beobachten. Die völlig überraschende Niederlage ihres Vertrauten Volker Kauder bei der Wahl zum Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zeigt den drastischen Autoritätsverfall der Kanzlerin. Ihre Gegner haben nichts mehr zu befürchten – schon gar nicht von ihr.

Politische Macht in der Demokratie lebt mehr von der Zuschreibung als von ihrer Ausübung. Mächtig ist, wer sich Gefolgschaft organisieren kann, wer glaubhaft machen kann, die nächste Wahl zu gewinnen. All das gilt für Merkel nicht mehr.

Aber nicht nur die Kanzlerin ist am Ende – ihre Regierung ist es auch. Gleich zweimal binnen nur einer Woche haben die wichtigsten Politiker der Koalition die Stimmung unter den eigenen Leuten völlig falsch eingeschätzt. So war es im Fall Maaßen, als Merkel, Seehofer und Nahles eine Vereinbarung trafen, die sie nach dem Protest vieler Bürger (und der eigenen Partei) revidieren mussten. So war es jetzt wieder, bei der Wahl von Ralph Brinkhaus zum Chef der Unionsfraktion: Merkel, Seehofer und CSU-Landesgruppenchef Dobrindt hatten Brinkhaus nicht offen bekämpft, sich aber öffentlich für Kauder ausgesprochen. Bis zur Auszählung der Stimmen am frühen Dienstagabend hatte niemand aus der Unionsspitze geglaubt, dass Kauder verlieren könnte. So kann man sich täuschen.

In Würde abzutreten ist eine Kunst, die fast niemand beherrscht

Natürlich reden Merkel und ihre letzten Unterstützer das Ganze nun klein. In der Demokratie seien Wahlniederlagen normal, heißt es. Nicht der Kanzlerin überdrüssig sei die Mehrzahl der Unionsabgeordneten, nur ihres Weggefährten Kauder. Aber so einfach ist es nicht. Merkel hat die Kontrolle über ihre Leute verloren – und damit die Entscheidungsgewalt über ihre Politik.

In der schwierigsten Phase seiner Kanzlerschaft wagte Gerhard Schröder 2003 einen Befreiungsschlag und machte sich an die größte Sozialreform in der Geschichte der Bundesrepublik – mit vielen Vor- und Nachteilen und einer unmittelbaren Folge für ihn selbst: Es beschleunigte sein Ende. Von Schröders Reformen hat Merkel während ihrer gesamten Kanzlerschaft profitiert. Ihr selbst ist solch ein Befreiungsschlag nicht mehr zuzutrauen. Denn ganz gleich ob Digitalisierung, Klimawende oder Wohnungsmangel: Jetzt fällt auf, wie sehr dieser Kanzlerin die gestalterische Kraft fehlt. Und dort, wo sie bislang gezwungen war, zu handeln – in der Flüchtlingsfrage und bei der Reform Europas –, ist sie spätestens seit Dienstag nur noch Getriebene der eigenen Fraktion.

Nahezu alle Argumente, die von den Gegnern einer großen Koalition am Wahlabend 2017 angeführt wurden, haben sich zwölf Monate später bewahrheitet. Diese Regierung ist mit sich selbst beschäftigt, nicht mit den Problemen des Landes. Das wird sich auch nicht ändern, wenn die CSU bei der bayerischen Landtagswahl Mitte Oktober verliert und Horst Seehofer als Parteichef und Bundesinnenminister abgelöst werden sollte. Nicht die CSU allein ist das Problem der Koalition. Die SPD ist es genauso. Und spätestens seit Dienstag auch die CDU. Nach der Bayernwahl wird diese Regierung nicht ruhiger zusammenarbeiten als zuvor. Eher im Gegenteil.

Merkel könnte nun zurücktreten. Das wird sie – bei allen unsicheren Prognosen dieser Tage – kaum tun. Neuwahlen wollen weder Union noch SPD. Das Beste wäre, die SPD würde die sieche Regierung verlassen – und Merkel müsste mit einer Minderheitsregierung weitermachen. Das wäre gut für die Demokratie, weil alle Parteien offensiv für ihre Anliegen werben müssten und die Bürger wieder den Eindruck bekämen, es ginge den Politikern mehr um die Sache als um Posten. Nur: Auch eine Minderheitsregierung ist für Merkel seit Dienstag keine Option mehr – sie hat ja nicht einmal mehr die eigenen Leute hinter sich.

In Würde abzutreten ist eine Kunst, die fast niemand beherrscht. Bundeskanzler haben es noch nie geschafft. Was bleibt Merkel also? Eine Chance wäre, jetzt das zu tun, was sie nie wollte: Den Parteivorsitz niederzulegen, um ein Zeichen des Wechsels zu setzen. Sie müsste Macht teilen, um den letzten Zipfel Macht zu behalten. Klingt schwierig? Seit Dienstag hat sie womöglich keine andere Wahl mehr.

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