Einen besseren Zeitpunkt für die Verkündung dieser Nachricht hätte sich Bernd Hoffmann nicht aussuchen können. Es ist Mittwochabend, der Hamburger SV steht nach vier Siegen in Folge an der Spitze der Tabelle der Zweiten Bundesliga. Rechnet man das Weiterkommen im Pokal hinzu, sind es sogar fünf Erfolge in Serie. So viele ohne Unterbrechung gab es beim HSV lange nicht. Und die letzte Tabellenführung ist auch schon neun Jahre her; nach einem 1 : 0-Sieg über den FC Bayern München in der Saison 2009/2010. Das waren noch Zeiten, als die Hamburger den Bayern als ernst zu nehmender Konkurrent entgegentraten, heute sind sie höchstens ein Testspielgegner zum Warmwerden vor der Saison. Genau daran will Bernd Hoffmann etwas ändern.

Formal hat er nun Zeit dafür bis 2021. So lang läuft der Vertrag als Vorstandsvorsitzender, den der 55-Jährige unterschrieben hat. Das gaben er und der Club an jenem Mittwochabend bekannt. Bislang führte er den HSV lediglich kommissarisch, befristet bis zum Ende der laufenden Saison im Sommer 2019. Jetzt ist er auch ganz offiziell der starke Mann. Er führt den Vorstand der Profifußballabteilung. Niemand ist mächtiger als er. Und niemand steht mehr in der Verantwortung. Das bekommt er gleich zu spüren.

Tut dem HSV der Abstieg auf lange Sicht gut, oder schmiert der Verein völlig ab?

Nur wenige Tage nach dem für ihn freudigen Ereignis der Vertragsunterzeichnung verliert sein Verein ein Heimspiel gegen Regensburg mit 0 : 5. Der Auftritt der Mannschaft ist desolat, und die Maßnahmen des Trainers Christian Titz wirken konfus. Die Stimmung kippt. Nirgends im deutschen Spitzensport ist der Grat zwischen Optimismus und Depression schmaler als beim HSV.

Wird das jemals wieder etwas mit diesem Verein? Tut ihm der Abstieg auf lange Sicht gar gut? Oder schmiert er unaufhörlich weiter ab, in die Niederungen der zweiten Liga?

Das fragen sich Fans. Das fragen sich Beobachter. Und schauen auf den Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann, um Antworten zu finden. Eine kann man schon jetzt geben: Wenn er in den kommenden Monaten bei der Ausrichtung des Vereins ähnlich strategisch und kalkulierend vorgeht wie bei seinem Aufstieg zum Vorstandsvorsitzenden, gibt es eine Chance, dass die Geschichte des Clubs diesmal anders verläuft.

Rückblick: Im Winter 2017 fasst Hoffmann den Entschluss, sich um das Amt des Präsidenten des HSV e. V. zu bewerben. Der Zusatz "e. V." steht für den gemeinnützigen Universalsportverein mit seinen 35 Abteilungen wie Basketball, Darts, Hockey oder Triathlon. Der Profifußball gehört seit 2014 nicht mehr dazu. Er ist im Rahmen einer großen Kampagne in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert worden, um eigenständiger agieren und sich vom Einfluss der einfachen Mitglieder und Fans emanzipieren zu können. Die HSV Fußball AG ist eine Aktiengesellschaft nach dem Vorbild des FC Bayern, in der die Amateur- und Breitensportler des e. V. die Mehrheit der Aktien halten. Aktuell sind es 76,19 Prozent, der Rest gehört Klaus-Michael Kühne (20,57) und drei weiteren Kleininvestoren (3,24). Der Präsident des e. V. ist laut Satzung gleichzeitig Mitglied des Aufsichtsrates der Profifußball-AG und hält die Mehrheit in der Hauptversammlung der Aktionäre, kann damit unter anderem über die Besetzung der übrigen fünf Plätze im Rat entscheiden. Ein machtvolles Amt, für das aber nicht jeder infrage kommt. Denn geeignete Kandidaten wählt ein anderes Gremium aus, der Beirat, dessen Mitglieder Hoffmanns Kandidatur skeptisch gegenüberstehen.

Sie kennen ihn aus seiner ersten Zeit zwischen 2003 und 2011, als er den HSV gemeinsam mit seinen Kollegen Dietmar Beiersdorfer und Katja Kraus zum nationalen und internationalen Spitzenclub geformt, in den eigenen Reihen allerdings viel Vertrauen zerstört hat. Noch immer hat er Feinde im Club, die ihm übel nehmen, mit welchen Methoden er seine damaligen vereinspolitischen Ziele durchzudrücken versuchte.

Doch es gelingt ihm, die Kritiker von damals zu überzeugen. Seine Kandidatur wird zugelassen. Die erste Hürde ist geschafft. Wie ernst er es mit dem HSV meint, versucht er durch regelmäßige Besuche bei etlichen Mitglieder- und Sportveranstaltungen zu dokumentieren. Er liegt zwar im Vergleich zu seinem Kontrahenten und bisherigen Amtsinhaber Jens Meier in allen Online-Umfragen vorn, kann sich aber nicht auf die vorherrschende Meinung im Internet verlassen. Denn nur ein Bruchteil der Mitglieder geht tatsächlich zu Versammlungen und macht von seinem Wahlrecht Gebrauch. Und viele, die es regelmäßig tun, wollen Hoffmann kein zweites Mal beim HSV sehen. Diesmal sind sie allerdings in der Minderheit, wenn auch nur knapp: Hoffmann setzt sich mit 585 zu 560 Stimmen durch und wird zum Präsidenten gewählt.