Die Zukunft der brasilianischen Demokratie wird gerade an zwei ungewöhnlichen Orten vorbereitet: in einem Krankenzimmer des Albert-Einstein-Hospitals von São Paulo und in einer Gefängniszelle der Provinzstadt Curitiba. In dem Krankenzimmer liegt Jair Messias Bolsonaro, 63, ein früherer Hauptmann der Militärdiktatur, die Brasilien von 1964 bis 1985 beherrschte. In der Gefängniszelle sitzt Luiz Inácio Lula da Silva, 72, Gewerkschafts- und Politikveteran, Brasiliens Staatsoberhaupt in den wirtschaftlichen Boomjahren 2003 bis 2011. Diese beiden Männer sind derzeit die wichtigsten Akteure im brasilianischen Präsidentschaftswahlkampf. Am 7. Oktober fällt die Entscheidung. Das Ergebnis wird darüber mitbestimmen, ob die größte Demokratie Südamerikas zerfällt.

Im volatilen brasilianischen Politikgeschäft kann auch wenige Tage vor einer Wahl noch viel passieren – zurzeit aber führt der Ex-Hauptmann Bolsonaro die Umfragen an. Er scherzt gern darüber, dass er seine politischen Gegner erschießen will. Anfang September wurde er selbst Opfer von Gewalt: Ein offenbar verwirrter Einzeltäter verletzte ihn am Rande einer Veranstaltung mit einem Messer. Nun führt Bolsonaro seinen Wahlkampf vom Krankenbett aus.

Auf den ersten Blick erscheint es abwegig, dass einer wie Bolsonaro so viele Anhänger in dem vergleichsweise wohlhabenden 208-Millionen-Einwohner-Land gewinnt. Der Mann war jahrzehntelang als Politclown der äußersten Rechten verschrien: Mal bezeichnete er Folterknechte aus den Militärdiktaturen Südamerikas als Vorbilder und Helden, mal sprach er sich für die Zwangssterilisierung Armer aus und befand weibliche Abgeordnete "der Vergewaltigung nicht würdig". Das Bolsonaro-Wirtschaftsprogramm ist noch recht vage. Tendenz: Die Wohlhabenden werden entlastet, ein Großteil des Staatsbesitzes wird privatisiert, und eine Riege von Militärs soll wichtige Steuerungsrollen erhalten.

Als reine Protestreaktion à la Brexit oder Trump ist Bolsonaros Erfolg nicht zu erklären. Bolsonaro-Anhänger kommen überwiegend aus den gebildeten bürgerlichen Schichten. Was finden sie an ihm? Die Suche nach Antworten führt direkt in die Zelle von Lula da Silva.

Seit April sitzt der frühere Präsident nach einem Korruptionsverfahren ein. Trotzdem blieb er Spitzenkandidat der Arbeiterpartei PT und lag monatelang in den Umfragen vor Bolsonaro, bis das oberste Wahlgericht Anfang September urteilte: Von der Gefängniszelle aus darf "Lula" nicht kandidieren. Er setzte rasch einen Ersatzkandidaten ein, und dieser nicht sonderlich bekannte Politiker namens Fernando Haddad schoss in den Umfragen in Rekordzeit auf Platz zwei. Jetzt pilgert der 55-jährige Haddad alle paar Tage in die Zelle des Meisters, holt sich Wahlkampftipps, trägt T-Shirts mit Lulas Konterfei und ahmt zur Begeisterung seiner Anhänger sogar dessen raue Whiskystimme nach.

"Brasilien soll wieder fröhlich sein!" steht auf den Wahlplakaten der Arbeiterpartei, eine Beschwörung der erfolgreichen Lula-Jahre. Da Silva profitierte in seiner Amtszeit von einem Rohstoffboom. Wirtschaftspolitisch regierte er eher konservativ. Sozialpolitisch nutzte er die sprudelnden Staatseinnahmen, um die Hungerhilfe, den sozialen Wohnungsbau und Kreditprogramme auszuweiten. Die Armen konnten sich plötzlich etwas leisten, ihr Konsum heizte zusätzlich die Wirtschaft an. Dieses Modell funktionierte allerdings nur, bis zehn Jahre später eine globale Flaute Brasilien in die Krise riss, für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft hatten Lula und seine erwählte Nachfolgerin Dilma Rousseff zu wenig getan. Bis heute hat sich das Land davon nicht erholt.

Auch nicht von der Korruption, die unter Lula blühte. Die hatte es in Brasilien zwar schon länger gegeben, aber unter Lula wuchs das System zu einem Zirkus heran, in dem Kleinparteien eigens gegründet wurden, um Zuwendungen zu erhalten. Manche Bauprojekte wurden überhaupt nur gestartet, weil man sich Bestechungsmöglichkeiten erhoffte.

Über diese Skandale ist in den vergangenen Jahren viel herausgekommen, allerdings verfestigt sich seit Jahren der Eindruck, dass die engagierten Strafverfolger des Landes politisch nicht neutral agieren. Ausgerechnet im Korruptionsverfahren gegen Lula persönlich waren die Beweise auffällig dünn, und das Verfahren wurde verdächtig rasch vor der Wahl durchgepeitscht. So ist er zwar einerseits der politisch Verantwortliche für eine Ära himmelschreiender Korruption, kann sich aber andererseits glaubhaft als ein Opfer "politischer Justiz" bezeichnen. Brasiliens Massenmedien, über die eine Handvoll konservativer Familien bestimmen, berichteten denn auch am häufigsten über die Korruption bei den Linken.