Chemnitz: Messingstatue eines Wolfes, der den Hitlergruß zeigt – eine Kunstinstallation von Rainer Opolka als Kritik an der rechten Hetze © Jens Schlueter/Getty Images

Warum so hemmungslos, so laut?

Ich verstehe manchen, der Kritik an den Regierenden übt. Ich verstehe manchen, der die Eliten des Landes hinterfragt. Ich verstehe manchen, der sich eine andere Bundeskanzlerin wünscht. All das trifft auf mich auch zu, da bin ich eine von vielen Ostdeutschen, denen es so geht.

Es gibt aber auch etwas, was ich an Ostdeutschland gerade nicht verstehe: Das ist die Fundamentalkritik, die ich seit geraumer Zeit immer öfter zu hören bekomme – hier, in meiner Heimat. Ich höre von einigen Leuten, das ganze "System" sei falsch. Ich höre, der gesamte Staatsapparat müsse ausgetauscht werden. Ich höre, in der DDR sei es bisweilen auch nicht schlechter gewesen.

Mich macht das wahnsinnig.

Weil mir diese Form der Fundamentalkritik, diese manchmal nicht einmal mehr verklausuliert formulierte Hoffnung auf eine wie auch immer geartete Revolution, in Wahrheit sogar Angst macht. Nicht wenige Leute träumen von einem neuen "89".

Ich frage mich dann schon: Was genau soll denn revolutioniert werden? Die Staatsform? Ich will weiterhin in einer Demokratie leben. Das Wirtschaftssystem? Uns geht es gut in der sozialen Marktwirtschaft. Und geht es uns nicht allen so viel besser als vor drei Jahrzehnten, als Leipzig stank und Dresden zerfiel?

Woher die Hemmungslosigkeit kommt, kann ich schon erklären, denke ich. Viele Ostdeutsche fühlen sich derzeit machtlos und gleichzeitig so mächtig wie nie. Machtlos, weil sie mit der Bundesregierung nicht einverstanden sind und diese dennoch nicht abgewählt bekommen. Weil sie in den Eliten des Landes nicht ausreichend vertreten sind. Weil sie den Eindruck haben, in den bundesweiten öffentlichen Debatten allzu oft als Sündenböcke herhalten zu müssen.

Mächtig aber fühlen sie sich, weil sie gemerkt haben, dass sie mit ihrer Wut die Republik in Schwingung versetzen. Wenn sie nur radikal genug wählen und laut genug brüllen, wenn sie nur scharf genug kritisieren und zahlreich genug auf die Straße gehen – dann werden sie plötzlich zum Faktor. Sie verändern die Debatten. Deswegen werden einige Ostdeutsche immer lauter, radikaler und entschlossener, so wie sie auch 1989 schon entschlossen die Demokratie erkämpft haben.

Heute aber leben wir in einer Demokratie, und um die zu erhalten, braucht es Besonnenheit. Die wünsche ich mir ganz dringend.

Anne Hähnig, 30, geboren in Freiberg, ist Redakteurin im Leipziger Büro der ZEIT.

Doch es kann uns auch befreien

Eigentlich liegt es im Wesen von Zäsuren, dass sie ein singuläres Ereignis beschreiben. Insofern kann man die Ereignisse von Chemnitz und Köthen gar nicht mehr als Zäsur bezeichnen; an Zäsuren war in den vergangenen Jahren und Monaten kein Mangel. Die ersten Pegida-Demonstrationen im Winter 2014/15, der Aufstieg der AfD, Clausnitz, die Bundestagswahl 2017, Cottbus. Das sind allesamt Einschnitte gewesen, über die sich ganz allgemein sagen lässt, dass sie das Ende der Nachwendezeit eingeläutet haben. Nicht länger zu ignorierende Teile der ostdeutschen Gesellschaft rebellieren seither gegen jene demokratische Ordnung, die vor beinahe 30 Jahren hierzulande mit unendlich viel Euphorie gegründet worden ist.

Und dennoch: Chemnitz hat sich noch einmal wie eine Zäsur angefühlt. Jene Tage erschienen wie der vorläufig mächtigste Beweis, wie sichtbar sich die Spaltung des Landes machen lässt, wie selbstbewusst ihre Anhänger auf die Straße drängen. Aber nicht nur das. Chemnitz war auch die bisher lauteste Aufforderung an all die Demokratinnen und Demokraten, ebenfalls sichtbarer als bisher für ihre Position zu kämpfen. So wie in Rostock, wo am vergangenen Wochenende 4000 Menschen gegen die AfD auf die Straße gegangen sind.

Hat Chemnitz sie wachgerüttelt?

Vielleicht, hoffentlich.

Die Wahrheit ist: Wir brauchen mehr davon, alle ostdeutschen Demokraten müssten sich angesprochen fühlen. Eigentlich alle müssten wieder auf die Straße. Mütter, Väter, Kinder, Omas, Opas, Tanten, Onkel. Wie in jenen Herbsttagen 1989 müsste nun verteidigt werden, was damals begann und nun bereits wieder an ein jähes Ende zu kommen droht. Denn so richtig der Umsturz damals war, so falsch wäre er heute. Mehr ist zu jener Analogie, die all jene Pegidisten und AfDler bedienen, wenn sie wie damals auch an Montagen auf die Straße gehen, nicht zu sagen. Und dabei könnte Folgendes entstehen: ein neues ostdeutsches Selbstbewusstsein, eine Emanzipation von jenen nervigen Stereotypen, die über uns zäh im Umlauf sind. Also eigentlich ein Befreiungsschlag.

Jana Hensel, 42, in Leipzig geboren, ist ZEIT-Autorin. Ihr Buch "Wer wir sind – Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein" (mit Wolfgang Engler) erschien gerade bei Aufbau.