Die Literatur des diesjährigen Gastlands der Frankfurter Buchmesse ist in verschiedener Hinsicht ein weltliterarischer und sprachgeschichtlicher Sonderfall und bei näherem Hinsehen eigentlich hochseltsam.

Zunächst gibt es da die für moderne Nationalliteraturen ganz untypische Lebendigkeit und Gegenwart der mittelalterlichen Tradition Georgiens. Das Hauptwerk und der zentrale nationale Selbstvergewisserungstext der georgischen Bildungstradition – sozusagen der Faust oder der georgische Pan Tadeusz – ist kein Text des 18. oder 19. Jahrhunderts, wie man das aus den europäischen Literaturgeschichten kennt, sondern ein hochmittelalterliches Epos: Der Recke im Tigerfell. Dieser chevalereske Versroman ist in seiner ursprünglichen Sprachgestalt heute noch gegenwärtig. Er ist sogar ein allgemein geteilter Zitaten- und Anspielungsschatz.

Das ist möglich, weil die Georgier an ihrer Sprache – offenbar gerade wegen unaufhörlicher Invasionen, Eroberungen und Assimilierungsversuche feindlicher Nachbarn – durch die Jahrhunderte in einer Art Widerstandstrotz unbeirrbar festgehalten hatten, sodass heutige Schulkinder einen Text verstehen können, der an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurde. In dieser Hinsicht (aber aus anderen Gründen) gleicht die georgische Literatur der isländischen, die ebenfalls etwas Besonderes, ja Einmaliges ist, weil in ihr der nahezu mühelose literarisch-psychodynamische Durchstieg aus der Gegenwart zur Welt der "Sagas" möglich wird.

Dieses ungewöhnliche Nachleben des Mittelalters, seiner Sprache, seiner literarischen Formen und Sensibilitäten, hat auch moderne Folgen, die bei der Lektüre des Romans Das erste Gewand mit Händen zu greifen sind. Guram Dotschanaschwilis Hauptwerk gilt als das bedeutendste Buch der georgischen Gegenwartsliteratur. Seine ersten Teile erschienen noch während der Sowjetzeit und erlangten mit ihren mystischen, religiösen, revolutionären und fantastischen Anspielungen und Resonanzräumen sofort Kultstatus bei der oppositionellen und vom offiziellen sozialistischen Realismus gelangweilten Leserschaft.

Der Roman hat diesen Ruhm bis heute behalten und inzwischen sogar zahlreiche neue und jüngere Leser gefunden. Das erste Gewand ist ein zugleich tieftraditionelles und hochavantgardistisches Buch. Man kann es lesen als eine Art Summe überlieferter georgischer Literatur- und Seelenformen im Geist des Modernismus, genauer gesagt: des magischen Realismus südamerikanischer Provenienz. Die Ansiedelung der Geschichte in einem magischen Fantasieland, die metaliterarischen Exkurse, der skurrile Humor der Erzählung, der Einbruch des Absurden und Wunderbaren an jeder ihrer Wendungen erinnern an Gabriel García Márquez’ Roman Hundert Jahre Einsamkeit. Einerseits. Und andererseits ist Das erste Gewand eine klassische hochmittelalterliche "Aventiure", die einen unerfahrenen jungen Mann durch die Welt und ihre zahlreichen märchenhaften und kriegerischen Abenteuer führt und ihn – unverändert, aber mit dem Wissen über den Sinn der Welt beschenkt – wieder ins Heimische entlässt.

Aber es gibt noch andere Einmaligkeiten der georgischen Literatur, deren Spuren man in diesem merkwürdigen und für Georgien und seine Literaturmentalität lehrreichen Buch studieren kann. Ein weiteres Beispiel: Der wohl wichtigste georgische Dichter des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Wascha Pschawela, verkörperte vor etwa hundert Jahren eine Figur, die man aus dem deutschen Sturm und Drang kennt, den "philosophischen Bauern". Der Begriff stammt aus dem Titel eines damals einflussreichen Buchs von Johann Andreas Naumann aus dem Jahr 1791. Bekanntere und frühere Beispiele solcher plebejischer oder bäuerlicher self help-Intellektuellen waren der Schneidersohn, Augenarzt und Schriftsteller Johann Heinrich Jung-Stilling und Karl Philipp Moritz, der Psychologe, Romanautor und Freund Goethes. Wascha Pschawela nun, ein Lyriker, Märchenerzähler und Epiker, der von 1861 bis 1915 lebte, war tatsächlich eine Art philosophischer Bauer. Er hatte in seinem georgischen Gebirgsdorf (das er nur zu gelegentlichen Besuchen der Literatenzirkel von Tbilissi verließ) noch unmittelbaren Zugang zur Sprache, zu den Mythen, zu den Blutrachefeldzügen und den vorchristlichen Kulten georgischer Bauernkrieger, die an der Wende zum 20. Jahrhundert geistig und materiell im Mittelalter oder in der Spätantike lebten.

Pschawela hob diese vormodernen Lebenswelten als Zeitgenosse von Suprematismus und Symbolismus in einer literarischen Hochsprache auf, die eigentlich seine Erfindung ist und das tief Archaische mit dem literarischen Modernismus auf einmalige Weise verschränkt. Auch Guram Dotschanaschwilis Buch spielt in seinem ersten Fünftel Im Dorf, wie die Überschrift dieses Abschnitts lautet. Und seine Beschreibungen der Armut, des Stolzes, der Wildheit, der Landschaften, der Poesie, der Rituale und des Wahnsinns des traditionellen georgischen Dorflebens sind unverkennbar beeinflusst von Wascha Pschawelas epischen und lyrischen Beschwörungen schamanistischer Wunder, tragischer Untergänge, heroischer Taten und blutiger Stammesfehden.

Und eine dritte Besonderheit der literarischen Tradition Georgiens hat in der literarischen Sprache von Dotschanaschwili Spuren hinterlassen. Tbilissi und vor allem das (viel kleinere) Kutaissi waren im frühen 20. Jahrhundert Hauptstädte auf der Landkarte des literarischen Symbolismus. Die Oktoberrevolution und der Russische Bürgerkrieg bewirkten die zeitweilige Übersiedlung von Intellektuellen, Künstlern und Literaten aus den russischen Hauptstädten in kleinere Metropolen, die weiter ab vom Schuss lagen.