Stuart Hall war so etwas wie der klassische intellektuelle Störenfried. In seinen Schriften und öffentlichen Interventionen forderte er unermüdlich "eine Vertiefung, Erweiterung und Radikalisierung demokratischer Praktiken in unserem gesellschaftlichen Leben". Als der aus Jamaika stammende und in England lebende Sozial- und Kulturwissenschaftler vor viereinhalb Jahren 82-jährig starb, galt er weithin als führender schwarzer public intellectual seiner Generation.

Hall lebte auf beeindruckende Weise Gramscis Motto "Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens". Seine Reputation verband sich insbesondere mit dem Feld der Kultur- und der Medienstudien. Darüber hinaus gehörte er zu den Vordenkern des Postkolonialismus. Das von ihm geprägte und bald populär gewordene Schlagwort vom "Westen und dem Rest" verwies auf die wichtige Einsicht, dass die koloniale Konstruktion der nichteuropäischen Welt als "Andere", als Negation dessen, wofür der Westen angeblich steht, bis heute konstitutiv für die Schaffung eines westlichen Selbstbildes geblieben ist. Das Thema der Zugehörigkeit beschäftigte Hall zeit seines Lebens immer wieder. Die Auseinandersetzung mit seiner Situation im Exil und seiner Position als "Diaspora-Intellektueller" resultierte in einer Haltung, die Differenzen akzeptierte und Identität als brüchig, fragmentiert und prozesshaft wahrnahm.

Dies spiegelt sich in drei nun posthum veröffentlichten Vorträgen, die er 1994 an der Harvard-Universität gehalten hat. Dort versuchte er, das "verhängnisvolle Dreieck" der miteinander verflochtenen Kategorien von Rasse, Ethnizität und Nation zu entwirren. W. E. B. Du Bois, der große Bürgerrechtler, Panafrikanist und erste Afroamerikaner, der in Harvard promoviert wurde, hatte in seiner berühmten, 1903 publizierten Schrift Die Seele der Schwarzen kühn prognostiziert, das Problem des 20. Jahrhunderts sei das Problem der "Farbgrenze" (color line). In Weiterführung dieser Vorhersage überlegte Stuart Hall, warum der Rassebegriff trotz aller Entmystifizierungen, die ihn als soziales Konstrukt ausweisen, so beharrlich überdauern konnte. Die Kategorie verfüge, so seine Antwort, über ein beträchtliches Maß an Einfallsreichtum, mittels ihrer binären Codierung der Welt vermeintliche Ordnung in die verwirrenden Umstände des sozialen Lebens zu bringen.

"Rasse" ebenso wie Ethnizität und Nation gäben überdies vor, schreibt Hall, so etwas wie scharfe Grenzen zwischen Gruppen zu repräsentieren, stünden jedoch für Geschichten der Unterdrückung, während sie zugleich hierarchische Vorstellungen von kultureller Differenz bekräftigten. Die Gefahr, dass sich diese Kategorien mit der Aussicht auf – oder der Bedrohung durch – erhebliche Veränderungsprozesse noch verhärten könnten, stand Hall deutlich vor Augen.

Als er seine Vorlesungen hielt, schien die Welt durch Mobilität und technologischen Wandel rapide zusammenzuschrumpfen. Parallel entfalteten sich Fundamentalismen diverser Art. Im Blick auf diese Herausforderungen sei die entscheidende Frage daher nicht: "Wer sind wir?", sondern: "Zu wem können wir werden?" Entsprechend bestehe angesichts der Kultur der Differenz die Aufgabe der Theorie nicht darin, "weiterhin so zu denken wie bisher und sich den Glauben dadurch zu bewahren, dass sie das Terrain durch einen zwanghaften Willensakt zusammenhält, sondern zu lernen, anders zu denken". Die Aufforderung ist aktueller denn je.

Stuart Hall: Das verhängnisvolle Dreieck. A. d. Engl. v. F. Lachmann; Suhrkamp, Berlin 2018; 212 S., 28,– €, als E-Book 23,99 €