Es ist kaum zehn Jahre her, aber gefühlt eine ganze Epoche, da wurde das Internet als Instrument der Freiheit gepriesen, mehr noch: der Befreiung und Demokratisierung der Welt. Im Netz gibt es keine Zensur, Anonymität schützt seine Nutzer, die Meinungsfreiheit schien unbegrenzt und das probate Mittel zu sein, lügengestützte Diktaturen und Totalitarismen zu stürzen. Man wundert sich heute sehr, wenn man die Utopien von gestern liest.

Die Hoffnung auf Weltverbesserung durch die Netzgemeinde (man dachte sie sich im Singular und ahnte ihre destruktive Pluralität noch nicht) ist gründlich verflogen. Das Internet und seine sozialen Netzwerke sind heute ein vermintes Gelände, von Schützengräben durchzogen. Jede Bewegung und Äußerung – das Emporstrecken eines Kopfes – provoziert feindliche Artillerie. Schmutzfontänen spritzen empor wie auf den Bildern des Ersten Weltkrieges. Der Begriff des Shitstorms, der sich dafür eingebürgert hat, bezeichnet die Sache im Effekt genau.

Das Internet ist zwar in der Tat ein Instrument des freien Meinungsaustausches, aber er dient nicht mehr der Befreiung, sondern der Einschüchterung. Durch das Netz ziehen marodierende Horden von Gesinnungstätern, die alles verfolgen, was ihrer Weltanschauung nicht entspricht. Aus der Meinungsfreiheit ist der Meinungskampf geworden. Den Lügen der Mächtigen werden keine Fakten entgegengeschleudert, sondern Fakten werden mit Lügen niederkartätscht, für die sich der Begriff der "alternativen Fakten" eingebürgert hat oder auch, kaum weniger zynisch, der "gefühlten Wahrheiten". Im virtuellen Raum ist keine Probe auf die Realität möglich. Insofern ist auch kein Mittel vorhanden, die gefühlte von der überprüfbaren Wahrheit, das alternative vom empirischen Faktum zu unterscheiden. Das Netz selbst ist ein alternativer Raum geworden – die Alternative zur zivilisierten Welt.

Für die bedrohliche Entwicklung hat sich eine Erklärung etabliert, die interessanterweise von der persönlichen Verantwortung der radikalisierten Meinungskämpfer abstrahiert. Es ist die Blasentheorie, und sie besagt, dass durch die Filteralgorithmen der sozialen Netzwerke ihren Teilnehmern immer nur die eigene Überzeugung und das ihr Entsprechende, Gesinnungsgenossen und die Gesinnung stützende "Fakten", angezeigt werden. Facebook, Instagram und Twitter legen eine schützende Blase um den Nutzer, gebildet aus "Likes" und "Freunden". In dieser Blase bewegen und radikalisieren sich die Menschen. Sie werden von allem abgeschirmt, was ihre Weltsicht stören könnte. Das macht sie selbstgerecht, blind und intolerant.

Die traditionellen Medien konnten sich ihre Leser noch aussuchen

Die Blase gilt als Schlüssel zur Bosheit des Netzes, mehr noch: als Grund für die alarmierende Polarisierung der Gesellschaft. Der Bundespräsident rief die Bürger kürzlich auf, ihre "Filterblasen" zu verlassen und endlich miteinander zu reden. ZEIT ONLINE hat versucht, ein solches Gespräch über Meinungsgräben hinweg zu organisieren. Aber ist die Blasentheorie überhaupt plausibel? Warum werden die Nutzer in ihrer wärmenden Blase, die sie vor allem bewahrt, was sie verunsichern könnte, nicht ganz friedlich und still? Weshalb sollten sie mit Schmutz werfen, wenn sie den Gegner gar mehr nicht wahrnehmen?

Es lohnt sich vielleicht, einen Blick zurück zu werfen auf die Gesellschaft vor Entstehung der digitalen Netzwerke. Lebten die Menschen damals ungeschützt und unbehaust, frei von kollektiven Ressentiments und in stetem, vorurteilslosem Austausch mit anderen, auch den scharf entgegengesetzt denkenden Zeitgenossen? Setzten sie allüberall ihr Haupt dem schneidenden Gegenwind der Gegenmeinungen aus?

Das wird man wohl kaum behaupten können. Sie lebten vielleicht nicht in einer Blase, aber doch in etwas, das man Milieu nannte, und dieses Milieu konnte genauso passgenau zugeschnitten und herzerwärmend borniert sein. Tierschützer wärmten sich an Tierschützern, Jäger an Jägern, Feministinnen an Feministinnen, Abtreibungsgegner an Abtreibungsgegnern. Man wusste zwar, dass die bösen anderen existierten, und dieses Wissen war zur Selbstaufrüstung wertvoll, aber der Weg zur persönlichen Attacke war lang. Man hätte Briefe schreiben oder an Haustüren klingeln müssen. Meist blieb die Gegnerschaft symbolisch und unpersönlich im öffentlichen Raum; ihre Medien waren Bücher oder Zeitungen (die man nicht lesen musste), Demonstrationen (die man ignorieren konnte), politische Parteien (denen man die Stimme verweigern durfte).